Düsseldorf für Wertschätzung, Teilhabe und Vielfalt – auch mit dem Gendertreff

Am 02.12.2016 fand im ZAKK in Düsseldorf unter dem Motto Düsseldorf für Wertschätzung, Teilhabe und Vielfalt die Diversity-Auftaktveranstaltung statt. Auch der Gendertreff war selbstverständlich eingeladen.

Im Rahmen der Veranstaltung wurden diverse Teilnehmer interviewt und gaben Statements zum Thema Diversity ab. Auch Ava vom Team Gendertreff gab ein kurzes Interview. Dabei bekräftigte sie die Wichtigkeit von Diversity für die Gesellschaft. Denn letztlich ist es immer negativ für eine Gesellschaft, wenn sich Individuen nicht entsprechend ihrer Identität bzw. Eigenschaften entfalten können.

Nun hat die Stadt Düsseldorf ein Video mit Eindrücken von der Veranstaltung und den Interviews veröffentlicht.
>> Auf YouTube ansehen (Gendertreff 3:03 – 3:48)

Düsseldorf tritt ein für Diversity. Für Vielfalt und Toleranz.

INHALTSVERZEICHNIS

Vortrag Trans* am Arbeitsplatz an der Uni Düsseldorf

Am 13.05.2017 hielt der Gendertreff auf Einladung der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf einen Vortrag zum Thema Trans* am Arbeitsplatz.

In einer lebendigen Präsentation stellte der Gendertreff zunächst sich und seine Arbeit vor, um dann in das Thema Transidentität und berufliches Umfeld einzusteigen. Referentin Ava erläuterte, dass sich die zum Thema Trans* am Arbeitsplatz auf der Gendertreff Plattform hinterlegten Informationen nicht nur an Trans*-Personen richten. Vielmehr sollen die zahlreichen Erfahrungsberichte und auch der vom Gendertreff erarbeitete Ablaufplan zum Coming-out im beruflichen Umfeld auch Kolleg_inn_en, Personalverantwortlichen, AGG-Beauftragten usw. als Informationsquelle dienen.

Warum ist das Thema Trans* am Arbeitsplatz so wichtig?

Transidentität und Arbeitsplatz ist ein komplexes Themenfeld mit vielen möglichen Konfliktsituationen. Denn schließlich sichert der Beruf das eigene Einkommen und ggf. auch das Einkommen der Familie. Vor diesem Hintergrund hat sich der Gendertreff das Ziel gesetzt, im Rahmen der Aktion Trans* am Arbeitsplatz Informationen und Hilfestellung für transidente Menschen und Unternehmen in Zusammenhang mit der Transition im beruflichen Umfeld anzubieten. Denn ohne Anspruch auf Vollständigkeit gibt es zahlreiche mögliche Problematiken rund um Transidentität und das berufliche Umfeld:

Aus Sicht transidenter Menschen:

  • Angst vor Arbeitsplatzverlust
  • Angst vor Mobbing / Diskriminierung
  • Fragestellungen zu einem möglichen Vorgehen. Konkret: „Wie trage ich das Thema in das betriebliche Umfeld und welche Teilschritte sind empfehlenswert?“

Aus Sicht der Arbeitgeber:

  • Angst vor Komplikationen im organisatorischen Umfeld. Hier sind beispielhaft zu nennen: Unruhe in Arbeitsabläufen, Arbeitsausfälle in Zusammenhang mit medizinischen Maßnahmen (z.B. aufgrund der geschlechtsangleichenden Operation), organisatorische Fragestellungen (z.B. Lohnbuchhaltung, Krankenkassen, Steuerangelegenheiten)
  • Angst vor Umsatzeinbußen aufgrund möglicherweise negativer Reaktionen von Kunden
  • Informationsdefizite aufgrund ggf. fehlender Erfahrungswerte zum Thema Transidentität
  • Reaktionen der Mitarbeiter / Kolleg_inn_en, z.B. zu den Fragen, welche Toilette oder Umkleide die Trans*-Person künftig nutzt

Welche Angebote gibt es beim Gendertreff rund um das Thema Trans* am Arbeitsplatz?

Einstiegsportal Trans* am Arbeitsplatz

Auf der Gendertreff Plattform gibt es Einstiegsportale zu diversen Themenkomplexen. Das Einstiegsportal Trans* am Arbeitsplatz bietet eine Übersicht über die Informationsangebote rund um das Thema Transidentität und Beruf. Hier ist auch die jeweils aktuellste Version der Präsentation und auch des Ablaufplans zum Coming-out im beruflichen Umfeld hinterlegt.

Ablaufplan zum Coming-out im beruflichen Umfeld

Der Ablaufplan zum Coming-out im beruflichen Umfeld wurde aufgrund persönlicher Erfahrungen entwickelt. Er stellt einen idealtypischen Ablauf dar, der sowohl Trans*-Personen als auch Unternehmen, Personalverantwortlichen usw. als Hilfsmittel für ein auf die jeweilige individuelle Situation anzupassendes Vorgehen dient. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass ein derartiger Ablaufplan immer nur ein Empfehlungsmodell darstellt und dass die Rahmenbedingungen des eigenen beruflichen Umfeldes vor diesem Hintergrund ein in Teilen anderes Vorgehen erforderlich machen können.

Aktions-Webseite Transidentität am Arbeitsplatz

Die Aktions-Webseite Transidentität am Arbeitsplatz informiert über die Aktion und erleichtert die Auffindbarkeit im Internet. Darüber hinaus listet die Webseite Unternehmen, Institutionen und Kommunen auf, die die Aktion Trans* am Arbeitsplatz unterstützen. So zeigen diese Organisationen, dass Transidentität ein ernsthaftes Thema ist. Gleichzeitig demonstrieren sie ihr Bekenntnis zu Diversity und geben ein Beispiel für Vielfalt und Toleranz.

Erfahrungsberichte

Aufgrund eigener Erfahrungen aus den Reihen des Gendertreff-Teams sowie aus den Erfahrungen aus der Selbsthilfearbeit verfügt der Gendertreff über einen Fundus persönlicher Erfahrungsberichte, die der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. So kann dieses Hintergrundwissen niederschwellig jederzeit abgerufen werden. Entsprechende Berichte sind in der Kategorie Transition des Gendertreff-Magazins zu finden bzw. mit dem Stichwort Arbeitsplatz verschlagwortet.

Gendertreff Forum und Selbsthilfetreffen

Im Anschluss an der Vortrag gab es noch eine lange Diskussion, bei der Xenia, Nathalie und Ava die zahlreichen Fragen des Publikums beantworteten. Dabei griffen die Referentinnen auf ihre persönlichen Erfahrungen sowie die Erfahrungen aus der Selbsthilfearbeit des Gendertreff zurück. Schließlich ist im Laufe der Jahre eine riesige Informationssammlung entstanden, die der Gendertreff nutzt, um Trans*-Personen und ihre Angehörigen sowie selbstverständlich auch Personalverantwortliche und Kolleg_inn_en über das Themenspektrum Trans* am Arbeitsplatz zu informieren.

Gleichzeitig zeigten die Referentinnen damit auf, wie ein weiteres Hilfsangebot zum Thema Trans* am Arbeitsplatz funktioniert. Denn das Gendertreff-Forum und die Selbsthilfetreffen des Gendertreff dienen dem direkten Austausch transidenter Menschen und ihrer Angehörigen und so können dort natürlich auch die eigenen Erfahrungen rund um Trans* und das berufliche Umfeld ausgetauscht werden. Die Erfahrung zeigt, dass der psreönliche Austausch eine sehr wertvolle Hilfestellung gerade zu diesem komplexen Themenfeld darstellt.

Im Themenportal Trans* am Arbeitsplatz auf der Gendertreff Plattform stehen die Präsentation sowie der Ablaufplan zum Coming-out im beruflichen Umfeld zum Download im Format pdf zur Verfügung.

>> Themenportal Trans* am Arbeitsplatz

>> Angebot

INHALTSVERZEICHNIS

Ein zweites DortBunt mit dem Gendertreff

Eine Woche vor Muttertag feierte Dortmund wieder in seiner ganzen Vielfalt.

Am 07. Mai 2017 zeigten die Dortmunder wie sie mit Diversity umgehen.

Auch der Gendertreff wurde wieder eingeladen sein ehrenamtliches Engagement mit einem Stand zu präsentieren.

Alle traten gemeinsam für ein friedliches Miteinander und auch der Gendertreff lud zum Dialog ein. Der Standort war perfekt!

Bei relativ schönem Wetter waren wieder tausende Bürger_innen in der Stadt unterwegs um zu schauen, zu genießen und sich zu informieren. Beim Gendertreff gab es zusätzlich zu den umfangreichen Informationen, Luftballons für die Kleinen, Rosen für die Mütter und Kugelschreiber für alle.

Es wurden wieder zahlreiche Gespräche am Stand geführt. Wir informierten über Transidentität und  stellten unsere Standpunkte zu Aktionen rund um das Thema Diversity vor.

Gegen 15:00 Uhr war die letzte der ca. 150 Muttertagsrosen verteilt. Alle haben sich über den besonderen Gruß vom Gendertreff sehr gefreut. Aber nicht nur deshalb haben viele Besucher_innen den Weg zu uns gefunden.

Zudem kamen auch einige Fachbesucher aus den Bereichen Kinderpsychiatrie, Sozialarbeiterinnen und andere zu uns. Es gab wieder viele gute und informative Gespräche bei denen wir über das Thema „Transidentität“ aufklären konnten.

Das gesamte Event DORTBUNT! ging über die gesamte Innenstadt und stellte allen Mitmenschen, egal welcher Hautfarbe, sexueller Orientierung und/oder Identität, Nationalität und Religion ein tolles Forum für Diskussionen und den Austausch von Erfahrungen.

Natürlich nehmen wir derartige Aktionen auch immer wieder zum Anlass für einen regen Austausch mit unseren Kooperationspartnern, denn natürlich waren TransBekannt e.V. und Lili Marlene auch mit einem eigenen Stand vertreten.

DORTBUNT! in Dortmund war ein gelungenes Event mit vielen guten Gesprächen und vielen guten Kontakten. Der Gendertreff wird auch in Zukunft gerne wieder dabei sein und die Grüne Karte für Diversity zeigen.

>> Grüne Karte für Diversity

>> Inhaltsverzeichnis

Ava – ein Interview

Das folgende Interview habe ich im Januar 2016 für das Magazin STRAIGHT anlässlich des Filmstarts von The Danish Girl gegeben. Da es bislang nicht online veröffentlicht wurde und viele teils sehr persönliche Eindrücke wieder gibt, habe ich es aktualisiert und gebe es an dieser Stelle wieder. Ich habe es zudem um einige Fotos aus dem vergangenen Jahr 2016 ergänzt – Ava

Wie war Dein Gefühl  als Du zum ersten Mal Ava sein zu durftest?

Wie es vermutlich bei den meisten transidenten Menschen der Fall ist, war es ein Gefühl der Befreiung. Wobei eine Formulierung wie „zum ersten Mal Ava sein durftest“ letztlich falsch ist. Denn ich bin Ava und war es schon immer.

Transidente Menschen entscheiden sich nicht, plötzlich einen „anderen Lebensentwurf“ zu leben. Vielmehr ist es so, dass eine Diskrepanz zwischen dem äußeren Erscheinungsbild (bei mir ist dies ein männlicher Körper) und dem Inneren, dem Identitätsgeschlecht (bei mir weiblich), gibt.

Die beschriebene Diskrepanz führt häufig zu einer Unzufriedenheit und Zerrissenheit. Dabei muss man bedenken, dass ich zu einer Zeit geboren wurde und auch aufgewachsen bin, zu der man noch nicht jede beliebige Information über das Internet bekam. Folgerichtig war es damals – letztlich bis in die 1990er Jahre – schwer, eine Definition dafür zu erhalten. Auch war es ungleich schwieriger, sich mit anderen Transidenten auszutauschen. Die heute verfügbaren Informations- und Selbsthilfeangebote gab es damals noch nicht.

Im Wesentlichen verfügte man über ein „Halbwissen“, das aus Erzählungen oder überwiegend dem Klamauk zuzuordnenden Filmen resultierte und aus dem sich noch heute viele Vorurteile ableiten. So hat Transidentität überhaupt nichts mit Sexualität zu tun, weshalb viele Transidente dem Begriff „Transsexualität“ eher ablehnend gegenüberstehen.

Mit zunehmender Verbreitung des Internet gab es dann nach und nach die ersten Informationsangebote. Irgendwann meldete ich mich dann in einem Internet-Forum an, gab mir den Namen Ava und einige Zeit später besuchte ich zum ersten Mal ein Selbsthilfetreffen.

Es tat einfach nur unendlich gut, zu sehen, dass man nicht alleine ist, sich mit anderen auszutauschen und auch von ihnen zu lernen. Sich nach all den Jahren einfach auszuleben, die ersten Schritte in die Öffentlichkeit zu wagen, das war ein unbeschreibliches Gefühl.

Wann hast Du für Dich das erste Mal gespürt, irgendwie schere ich aus?

Einen genauen Zeitpunkt kann ich nicht wirklich benennen. Vielmehr merkte ich es an vielen kleinen Dingen. Ich konnte z.B. nie mit dem Imponiergehabe anderer Jungen etwas anfangen. Ich habe mich immer schon für weibliche Kleidung interessiert und bin bis heute bekennendes Fashion Victim mit einer deutlichen Vorliebe für elegante Kleider und Kostüme.

Aufgrund der männlichen Sozialisierung und auch mangelnder Informationen war es jedoch für mich nicht einzuordnen, welchen Grund es dafür wirklich gibt. Meine Kindheit habe ich in den 1970er Jahren erlebt, die Pubertät in den 1980er Jahren. Damals gab es keine Informationen, die zu den Empfindungen gepasst hätten.

Also habe ich die Transidentität, eine Eigenschaft, für die ich damals nicht einmal einen Begriff kannte, letztlich nach außen hin verdrängt. Natürlich habe ich damals schon heimlich Damenkleidung anprobiert. Aber das habe ich natürlich geheim gehalten. Nach außen war ich „der ganz normale Junge“ und später eben „der ganz normale Mann“.

Letztlich leidet man innerlich. Manche mehr, manche weniger. Zum Glück bin ich eher pragmatisch eingestellt und habe immer schon ein recht dickes Fell gehabt. Trotzdem steht es einem natürlich immer wieder im Weg, wenn man sich ständig mit sich selbst beschäftigt.

Auf der Paracelsus Messe 2016 in Düsseldorf – Gespräch mit einer Messebesucherin

Wann und wie war Dein Leidenspunkt erreicht und der Wendepunkt kam?

Wie gesagt habe ich eine recht pragmatische Einstellung und bin auch mit einem relativ dicken Fell ausgestattet. Allerdings ist es so, dass niemand seine Identität jahrzehntelang verstecken kann. Irgendwann kommt der Punkt, an dem bildlich gesprochen der Druck so groß ist, dass der Kessel irgendwann zum Platzen kommt. Bei mir war dieser Punkt Mitte der 2000er Jahre erreicht.

Niemand, der es nicht selbst erlebt hat kann sich vorstellen, was es bedeutet, jahrzehntelang ein Geheimnis mit sich herumzuschleppen, über das man mit niemandem auf der Welt sprechen kann. Als ich dann irgendwann in den 1990er Jahren die ersten Webseiten entdeckte, die sich mit dem Thema befassten, stellte ich erstmals fest, dass es offenbar wesentlich mehr Transidente gab, als ich bis dahin angenommen hatte. Wichtig war auch, dass ich erstmals über Begriffe wie „Transgender“ oder „Transidentität“ stolperte, die meinem Empfinden einen Namen gaben.

Es folgten einige Jahre, in denen ich nur still mitgelesen habe. Manche Transgender hatten Webseiten mit tollen Fotos und ich habe damals gedacht, dass ich so etwas wohl niemals erreichen könnte. Doch schließlich wurde der Druck immer größer. Wie bereits beschrieben habe ich mich dann zunächst in einigen Internet-Foren angemeldet und irgendwann den Schritt gewagt, zu einem Selbsthilfetreffen zu gehen.

Diesen Schritt kann man tatsächlich als Wendepunkt betrachten. Denn ich konnte feststellen, dass es noch viele andere Transgender gab. Sehr wichtig war es auch, mir selber einzugestehen, dass ich transident bin.

Durch das Selbsthilfetreffen konnte ich damals die ersten Schritte in die Öffentlichkeit unternehmen, mich mit anderen austauschen und lernen, in der Öffentlichkeit zu meinem Identitätsgeschlecht zu stehen. Das ist ein sehr wichtiger Schritt, denn das hilft, einen individuellen Weg zu finden, mit der eigenen Transidentität umzugehen.

Allerdings muss ich sagen, dass ich wirklich Glück hatte, immer schon mit einer gewissen Dickfelligkeit ausgestattet zu sein. Ich habe im Laufe der Jahre durch unsere Selbsthilfearbeit im Gendertreff-Team Menschen kennen gelernt, die weitaus größere Probleme mit ihrer Geschlechtsidentität hatten als ich selber. Burn-out, Depressionen oder Alkoholismus sind durchaus Symptome, die mit der Transidentität in einem Zusammenhang stehen können. Transidentität ist keine Krankheit, kann aber sehr krank machen, da sie vielfach mit einem hohen Leidensdruck einhergeht. Deshalb ist es ja auch so wichtig, transidenten Menschen und ihren Angehörigen eine Anlaufstelle zu bieten. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich weiterhin im Gendertreff engagiere.

Mit Gendertreff-Team-Kollegin Nathalie auf der Paracelsus Messe 2016 in Düsseldorf

Wie sieht Dein Alltag aus?  

Derzeit lebe ich meine Transidentität in Teilzeit aus. Das bedeutet, dass ich als Mann arbeiten gehe. Den überwiegenden Teil meiner Freizeit verbringe ich im Identitätsgeschlecht.

Das ist weniger spektakulär, als manche sich das vielleicht vorstellen: Ich gehe Essen oder ins Kino, Shoppen usw. Es ist der ganz normale Alltag einer ganz normalen Frau.

Die Entscheidung für eine Teilzeitlösung habe ich für mich aus einer ganzen Reihe von Gründen getroffen. Es kann aber durchaus sein, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem mir auch das nicht mehr möglich ist. Das wird die Zeit zeigen.

Wer weiß, wie Du tickst?

Die Formulierung „wie Du tickst“ suggeriert, dass man sich für Transidentität entscheiden könnte. Das ist aber, wie weiter oben ausgeführt, nicht der Fall. Fragen wir also besser danach, wer von meiner Transidentität weiß.

Im privaten Umfeld wissen die meisten Bekannten Bescheid. Das lässt sich ja schlecht verhindern, wenn man privat überwiegend im Identitätsgeschlecht lebt. Auch einige berufliche Kontakte wissen es.

Wie reagiert Dein Umfeld – wie offen gehst Du damit um?

Ich gehe im beruflichen Umfeld nicht mit meiner Transidentität hausieren, verstecke mich aber auch nicht. Da ich mich im Gendertreff engagiere, nehme ich an allen möglichen Aktivitäten rund um unsere Öffentlichkeitsarbeit teil: Wir haben in jedem Jahr Infostände auf diversen Gesundheitsmessen, Informationsveranstaltungen usw. Wenn man z.B. auf dem Selbsthilfetag in der Düsseldorfer Innenstadt auf der Bühne ein Interview gibt, dann ist das schon ziemlich öffentlich.

Da ich mich auch ansonsten nicht verstecke, kann es natürlich ständig vorkommen, dass ich auch mal jemandem über den Weg laufe, der noch nicht von meiner Transidentität weiß. Ich fahre im Identitätsgeschlecht in den Urlaub oder gehe auch auf Geschäftsreisen nach meinen Terminen im Identitätsgeschlecht aus. Ich gehe so einkaufen, treffe mich mit Freunden usw. Auch auf der Gendertreff Plattform im Internet gibt es ja diverse Fotos von mir, ebenso auf dem Gendertreff-Facebook-Account usw. Man kann also sagen, dass ich sehr offen mit meiner Transidentität umgehe.

Das Umfeld reagiert überwiegend positiv. Großartige Probleme habe ich bislang nicht damit gehabt. Leider tut sich ausgerechnet meine Familie mit dem Thema sehr schwer. Sollte ich mich irgendwann dafür entscheiden, die Transition (die juristische und medizinische Angleichung an das Identitätsgeschlecht) durchzuführen, dann könnte das demnach noch Konfliktpotential beinhalten.

Mit Gendertreff-Gründerin Xenia auf der Bühne beim Düsseldorfer Selbsthilfetag 2015

Welche Gedanken treiben viele Menschen um, die sich in ihrem biologischen Körper nicht uneingeschränkt zufrieden fühlen?

Dass die Diskrepanz zwischen Identitätsgeschlecht und körperlichem Geschlecht zu einem hohen Leidensdruck führen kann, hatte ich ja bereits erwähnt. Wir haben über die Jahre unserer Selbsthilfetätigkeit viele Menschen kennen gelernt, die alle möglichen Vermeidungsstrategien hatten, nur um diesem Leidensdruck zu entfliehen. Von Workoholics über die Flucht in den Extremsport bis hin zu Menschen mit Depressionen oder Suchtkrankheiten haben wir schon viele teils schwere Probleme gesehen.

Deshalb ist es wichtig, Transidenten und ihren Angehörigen Anlaufstellen zu bieten, bei denen sie ihre Probleme besprechen und Erfahrungen, Ängste und Nöte austauschen können. Denn bis man soweit ist, dass man mit seiner Transidentität ungezwungen umgehen kann, muss man durchaus an sich arbeiten und sollte ggf. durchaus auch psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Weitere Bausteine sind Fragen wie die, ob man z.B. mit einer Transition beginnen sollte. Soll man eine Hormontherapie beginnen? Wann ist der geeignete Zeitpunkt? Wie steht die Familie dazu? Wie bringe ich es meinen Freunden, Verwandten usw. bei? Die Themenliste ist schier endlos.

Ein großes Problemfeld ist nach wie vor das Thema Transidentität und Beruf. Zwar kennen wir auch sehr viele Beispiele, bei denen das Coming-out und die Transition im beruflichen Umfeld sehr gut verlaufen sind. Leider gibt es jedoch auch immer noch Fälle, in denen es zu teils großen Problemen bis hin zum Verlust der Arbeitsstelle gekommen ist. Hier ist noch viel Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. Deshalb hat der Gendertreff die Aktion Trans* am Arbeitsplatz ins Leben gerufen. Hier finden Transidente Hilfestellung, wie z.B. einen auf realen Erfahrungen basierenden idealtypischen Ablaufplan für das Coming-out im beruflichen Umfeld. Weiter finden Personalverantwortliche, Kollegen usw. Informationen aus erster Hand. Auf der Aktions-Webseite Trans* am Arbeitsplatz können zudem Unternehmen und Institutionen ihre Unterstützung signalisieren. Bislang konnten wir die SODEXO-Gruppe, das Universitätsklinikum Essen, die Stadt Düsseldorf, die Behörde IT.NRW sowie den DGB und die Gewerkschaft IG BCE als Unterstützer gewinnen. Weitere Unternehmen und Institutionen sind selbstverständlich herzlich eingeladen, die Aktion zu unterstützen und sich als fortschrittliche Institutionen zu präsentieren, die dem Thema Diversity offen gegenüber stehen.

Wo kann der Gendertreff helfen?

Der Gendertreff bietet zunächst einmal mit der Gendertreff-Plattform eine große Informationssammlung. Wir haben ein Verzeichnis von Links und Adressen, Erfahrungsberichte, Hintergrundwissen usw. veröffentlicht. Hier finden Transidente, Angehörige und auch die interessierte Öffentlichkeit demnach jede Menge Informationen zum Thema Transidentität.

Weiter betreiben wir mit dem Gendertreff-Forum eine Plattform zum virtuellen Austausch sowie mit dem Gendertreff Düsseldorf, dem Gendertreff Leverkusen, dem Gendertreff Iserlohn und dem Gendertreff Berlin vier Selbsthilfetreffen, bei denen sich Transidente und ihre Angehörigen austauschen können. Im Verlauf des Jahres 2017 kommt darüber hinaus mit dem Gendertreff Dessau ein weiteres Selbsthilfetreffen hinzu.

Unsere Treffen finden in öffentlichen Lokalen statt. Dies hat folgenden Hintergrund: Zum einen müssen die Besucher unserer Selbsthilfetreffen eine gewisse Hemmschwelle überwinden. Das ist wichtig, damit sie lernen können, in der Öffentlichkeit zu ihrem Identitätsgeschlecht zu stehen. Denn Schwimmen lernt man ja auch nur, wenn man ins Wasser steigt.

Weiter merken die Besucher unserer Selbsthilfetreffen dann ganz schnell, dass sie sich problemlos in der Öffentlichkeit bewegen können. So machen sie im Schutz einer Gruppe die ersten Schritte, die sich meist mehr und mehr verselbständigen. Zu guter Letzt ist es natürlich auch einfacher, sich in einer gemütlichen und lockeren Atmosphäre mit anderen auszutauschen.

Unsere Selbsthilfetreffen haben somit bewusst keinen „Stuhlkreis-Charakter“. Moderiert werden sie nur insofern, als wir darauf achten, dass Neuankömmlinge gut in die Treffen integriert werden. Weiter achten wir darauf, dass z.B. keine Dinge berichtet werden, die gefährlich werden könnten. Dinge wie z.B. das „Ausprobieren von Hormonen“ können die Gesundheit gefährden. Deshalb würden wir in einem solchen Fall einschreiten. Auch achten wir darauf, dass keine Gruppendynamik entsteht und die Besucher unserer Selbsthilfetreffen so einen individuellen Umgang mit der eigenen Transidentität finden.

Ebenfalls wichtig ist es, den Besuchern unserer Selbsthilfetreffen zu helfen, die Transidentität nicht nur aus der eigenen Sicht zu sehen. Wenn sich z.B. in einer Familie der Ehemann nach mehreren Ehejahren als transident outet, so ist es ganz normal, dass in der Familie Ängste vorhanden sind. Eine Methode nach dem Motto „mit dem Kopf durch die Wand“ ist da meist wenig hilfreich. Hier ist es wichtig, dass im Gendertreff-Team auch mehrere Partnerinnen von Transgendern als Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Der Gendertreff hilft insbesondere durch die Sammlung von Erfahrungen aus erster Hand. So kann man sich im Gendertreff-Forum oder auf unseren Selbsthilfetreffen mit anderen austauschen und von deren Erfahrungen profitieren. Auf unserer Gendertreff-Plattform gibt es das Gendertreff Blog / Magazin mit vielen Erfahrungsberichten. So haben wir z.B. ganze Transitions-Tagebücher veröffentlicht, in denen Transgender von ihren Erfahrungen von den ersten Empfindungen bis hin zur geschlechtsangleichenden Operation berichten.

Beispielsweise hat Gendertreff-Gründerin Xenia den Brief veröffentlicht, mit dem sie sich damals bei ihrer Frau offenbart hat. Weiter haben wir einen idealtypischen Transitionsablauf oder das „kleine 1 x 1 der Hormone“ veröffentlicht, in dem beschrieben wird, wie Hormone im Körper wirken. Zurzeit stehen im Gendertreff Blog / Magazin beispielsweise über 150 Artikel mit Informationen und Erfahrungsberichten zur Transition und über 200 weitere Erfahrungsberichte zur Verfügung. Hinzu kommen die Beiträge im Gendertreff-Forum. Alleine das Internet-Angebot des Gendertreff bietet somit einen riesigen Fundus an Informationen.

Wichtig ist: Der Gendertreff kann helfen, Probleme zu lösen. Aber lösen muss man die Probleme schon selber. Nur wer sich wirklich mit seiner Transidentität auseinandersetzt, kann auch zufrieden im Identitätsgeschlecht leben. Jeder Mensch muss einen eigenen, individuellen Weg finden, mit der Transidentität umzugehen. Das berufliche oder familiäre Umfeld ist bei jedem Menschen anders. Ziel muss es sein, dass Transidente ihre Arbeit oder auch ihre Familie behalten und dennoch ihre Transidentität nicht verstecken.

Darüber hinaus betreiben wir Öffentlichkeitsarbeit und nehmen auch an der politischen Diskussion zum Thema Transidentität teil. Hier haben wir das Ziel, durch Information Vorurteile abzubauen und somit die Lebenssituation transidenter Menschen nachhaltig zu verbessern. Seit 2016 etablieren wir zudem mit der Gendertreff Messe eine Veranstaltungsreihe zum Austausch zwischen Transgendern, Angehörigen, der interessierten Öffentlichkeit sowie Fachleuten wie Chirurgen, Psychologen, Beratungsstellen und speziellen Dienstleistern rund um Trans*-Bedarf.

Am Stand der Düsseldorfer Selbsthilfe-Organisationen während der Feierlichkeiten zum Jubiläum 70 Jahre NRW in 2016 in Düsseldorf

Was sind die häufigsten Vorurteile gegenüber Transgendern?

Mitunter werden Transidentität und Travestiekünstler verwechselt. Wir sind aber keine schrill-bunten Kunstfiguren wie z.B. Olivia Jones. Die überwiegende Zahl Transidenter sind „ganz normale Menschen“: Ganz normale Frauen, die in einem Männerkörper geboren wurden oder ganz normale Männer, die in einem Frauenkörper geboren wurden, um es mal anschaulich zu beschreiben. Zudem gibt es auch Menschen, die sich keinem Geschlecht eindeutig zugehörig fühlen und sich als non-binary bezeichnen.

Oft wird auch Transidentität mit Homosexualität verwechselt, dies insbesondere bei Transfrauen. Dabei verteilen sich Heterosexualität und Homosexualität über die Grundgesamtheit transidenter Menschen ebenso wie beim Rest der Bevölkerung. Hinzu kommt, dass derartige Begriffe von einem Geschlechtermodell ausgehen, in dem es eine klare Trennung zwischen männlich und weiblich gibt. Doch die Frage, ob z.B. ich, Ava, nun ein heterosexueller Mann mit einem weiblichen Identitätsgeschlecht bin oder aber eine lesbische Frau, die in einem Männerkörper leben muss, zeigt, dass diese Zuordnung völlig unpassend ist.

Insgesamt muss ich jedoch feststellen, dass mir selten Menschen begegnen, bei denen ich aufgrund von Vorurteilen negative Erfahrungen mache.

Dass das berufliche Umfeld mitunter problematisch sein kann, habe ich weiter oben bereits erwähnt.

Was kann da ein Film wie The Danish Girl oder die Serie Transparent beitragen?

Grundsätzlich ist es hilfreich, wenn das Thema Transidentität in den Medien präsent ist, denn dies führt dazu, dass sich Menschen mit dem Thema auseinandersetzen. Fehlende Information ist bis heute nämlich die häufigste Ursache für vermeintliche und auch tatsächliche Diskriminierung.

Dabei ist es m.E. egal, über welches Medium die Information transportiert wird. Dies kann ein Kinofilm wie The Danish Girl ebenso sein wie ein Theaterstück, ein Song, ein Infoflyer oder ein Zeitungsartikel. Wichtig ist aber, dass die Information im Mittelpunkt steht und nicht Selbstdarstellung oder Sensationsgier. Leider neigen manche Medien jedoch dazu, sich eher an „Quote bringenden Charakteren“ zu orientieren und zeigen mitunter ein verzerrtes bzw. einseitiges Bild transidenter Menschen, das eben nicht der Mehrzahl der Transgender entspricht.

Der Film The Danish Girl orientiert sich an der Biographie von Lili Elbe und basiert somit auf dokumentierten Fakten. Der Trailer, den ich im Internet gesehen habe, machte einen guten Eindruck. Insofern erwarte ich, dass der Film dazu beiträgt, dass das Thema Transidentität weiter in die Mitte der Gesellschaft rückt.

Gerade in den letzten Jahren fällt auf, dass das Thema Transidentität sehr häufig in den Medien ist. Das halte ich grundsätzlich für eine positive Entwicklung, da die Medien dank ihrer enormen Reichweite viele Menschen sensibilisieren können.

Scheint es nur so, oder würdest Du bestätigen, dass die Offenheit der Gesellschaft größer geworden ist? 

Ich finde schon, dass die Gesellschaft grundsätzlich offener geworden ist. Es gibt zwar sicherlich noch viel zu bewegen, aber wir sind meiner Meinung nach auf einem guten Weg.

Auch deshalb engagiere ich mich weiterhin im Gendertreff. Denn ich bin überzeugt, dass wir mit fundierter Selbsthilfe- und Öffentlichkeitsarbeit noch sehr vielen Transgendern und ihren Angehörigen helfen können.

Im Winter 2016 auf der Zugspitze

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Antwort der Bundesärztekammer auf den offenen Brief des Gendertreff

Aufgrund eines Hinweises im Gendertreff-Forum hatten wir am 06. Januar 2017 einen offenen Brief an die Bundesärztekammer verfasst. In diesem nahmen wir zu einem von der Bundesärztekammer veröffentlichten Positionspapier „Blutspendeausschluss von Personen mit sexuellem Risikoverhalten“ Stellung. Moniert wurde unsererseits insbesondere, dass Trans*-Personen als Hochrisikogruppe für AIDS eingestuft wurden. Diese Einstufung erfolgte, da – so die Bundesärztekammer – sich viele Trans*-Personen prostituieren würden, um Geld für geschlechtsangleichende Maßnahmen zu verdienen. Dabei werden die geschlechtsangleichenden Maßnahmen im monierten Positionspapier der Bundesärztekammer sachlich falsch als „Geschlechtsumwandlung“ bezeichnet.

Der Gendertreff rügte diese Einschätzung als diskriminierend, sachlich falsch und empirisch nicht nachweisbar. Der Gendertreff führte aus, dass die überwiegende Mehrzahl der Trans*-Personen völlig normalen bürgerlichen Berufen nachgehe. Auch sei es nicht schlüssig, weshalb sich Menschen prostituieren sollten, um Leistungen zu erhalten, die in Deutschland von den Krankenkassen übernommen werden.

Den offenen Brief veröffentlichten wir auf der Gendertreff Plattform und übermittelten diesen per E-Mail sowie per Briefpost mit Schreiben vom 07.01.2017 an die Bundesärztekammer.

Mit Schreiben vom 01.02.2017 antwortete die Bundesärztekammer und informierte uns darüber, dass die in unserem offenen Brief zitierten „Erläuterungen und Regelungsoptionen zum Blutspende-Ausschluss bzw. zur Rückstellung von Personen, deren Sexualverhalten ein Risiko für den Empfänger von Blutprodukten birgt“, Stand 25.04.2012, inzwischen überarbeitet wurden.

Die Bundesärztekammer führt aus, dass eine gemeinsame Arbeitsgruppe aus Vertretern des „Arbeitskreises Blut“ nach § 24 Transfusionsgesetz (TFG), des Ständigen Arbeitskreieses „Richtlinien Hämotherapie“ nach §§ 12a und 18 TFG des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer, des Robert-Koch-Instituts, des Paul-Ehrlich-Instituts und des Bundesministeriums für Gesundheit die aktuellen epidemiologischen Daten zusammengestellt und ausgewertet hat.

Das Arbeitsergebnis der oben genannten gemeinsamen Arbeitsgruppe wurde laut dem uns zugegangenen Schreiben vom „Arbeitskreis Blut“ nach § 24 TFG am 04.10.2016 zustimmend zur Kenntnis genommen und befindet sich nun im Beratungsprozess der Gremien der Bundesärztekammer. Vor dem Hintergrund der laufenden Beratungen bittet die Bundesärztekammer um Verständnis, dass man zu Inhalten und einem möglichen Veröffentlichungszeitpunkt noch keine Angaben machen könne.

Der Gendertreff begrüßt die Überarbeitung der zitierten Richtlinien. Wir hoffen, dass nun ein realistisches Profil von Trans*-Personen zugrunde gelegt wurde, da das in dem monierten Positionspapier „Blutspendeausschluss von Personen mit sexuellem Risikoverhalten“ gezeichnete Bild von Trans*-Personen sachlich falsch, abwertend und diskriminierend war. Gerne stehen wir jederzeit für den fachlichen Austausch zur Verfügung.

Mehr zum Thema:

>> Offener Brief des Gendertreff an die Bundesärztekammer

>> Inhaltsverzeichnis

Offener Brief an die Bundesärztekammer

Offener Brief des Gendertreff an die Bundesärztekammer bez. diskriminierender Aussagen über Transgender bzw. transidente Personen in Zusammenhang mit Blutspenden

Sehr geehrte Damen und Herren der Bundesärztekammer,

der Gendertreff ist eine ehrenamtlich geführte Trans*-Organisation. Die Ziele des Gendertreff sind Hilfe zur Selbsthilfe für Trans*-Menschen und ihre Angehörigen sowie politische Arbeit und Öffentlichkeitsarbeit. Wir streben an, die Lebenssituation von Trans*-Menschen und ihren Angehörigen nachhaltig zu verbessern. Dazu betreiben wir unter www.gendertreff.de eine große Internet-Plattform, Selbsthilfegruppen in Düsseldorf und Leverkusen sowie mit dem Gendertreff-Forum (www.gendertreff-forum.de) eine virtuelle Selbsthilfegruppe.

Im Zuge der Foren-Diskussion zu unserem offenen Leserbrief an die Welt-Redaktion wurden wir auf Ihr Positionspapier „Blutspendeausschluss von Personen mit sexuellem Risikoverhalten“ aufmerksam. Dort vertreten Sie die Auffassung, dass Trans*-Personen eine AIDS-Risikogruppe wären. Unter anderem heißt es dort:

In Studien zur HIV-Prävention werden Transsexuelle häufig zur Kategorie der Männer gezählt, die Sex mit Männern haben (MSM) [■ Bockting 2001]. Die AIDS-Aufklärungsprogramme erreichen aber häufig diese Zielgruppe nicht, da sich die Betroffenen als Frau fühlen, auch wenn das Geschlechtsorgan, der Penis, meist noch vorhanden ist [■ Weeks 1995]. Aus medizinischer Sicht werden dagegen lediglich diejenigen Menschen als transsexuell bezeichnet, die eine Geschlechtsanpassung in allen körperlichen, sozialen und rechtlichen Bereichen vollzogen haben oder noch vollziehen wollen. Über die Prävalenz der Transsexualität nach dieser engen Definition gibt es keine gesicherten Angaben. Die Schätzungen schwanken zwischen 1:10.000 bis 1:1000 [■ Olyslager 2007].

Da sich viele Transsexuelle, die eine vollständige Geschlechtsumwandlung anstreben, beruflich ausgegrenzt und gesellschaftlich diskriminiert fühlen, arbeiten viele als Prostituierte, um auf diese Weise nicht nur den Lebensunterhalt zu verdienen, sondern auch die Operationskosten zu erwirtschaften. Zur Größenordnung dieser Gruppe liegen international keine Statistiken vor. Eine einschlägige deutsche Erotik-Webseite, auf der Transsexuelle ihre Dienste bundesweit anbieten, enthält ca. 300 Inserate (Stand April 2011). Die tatsächliche Zahl dürfte höher sein. Unter den hier inserierenden transsexuellen Sexarbeiterinnen befinden sich auffällig viele mit asiatischer oder südamerikanischer Herkunft.

Die häufig anzutreffende, häufig vielleicht auch nur temporäre Arbeit im Sexgewerbe führt dazu, dass Transsexuelle ein noch größeres HIV-Risiko haben, nicht nur im Vergleich zu Sexarbeiterinnen, sondern auch im Vergleich zu Männern, die Sex mit Männern haben

Diese Aussagen verwundern, da es sich bei der Bundesärzekammer um eine Spitzenorganisation der ärztlichen Selbstverwaltung handelt. Weshalb also werden allgemein anerkannte medizinische Forschungesrgebisse im Rahmen der getroffenen Risikoanalyse nicht berücksichtigt? Der Gendertreff kritisiert mit diesem offenen Brief die getroffenen Aussagen als sachlich falsch. Die getroffenen Aussagen stellen zudem eine massive Diskriminierung sowie eine entwürdigende Beleidigung von Trans*-Personen dar.

Zunächst einmal ignoriert der zitierte Text, dass es sowohl Transfrauen als auch Transmänner gibt. Transmänner sind Personen, deren Identitätsgeschlecht männlich ist, die jedoch weibliche äußere Geschlechtsmerkmale besitzen. Transfrauen sind Personen, deren Identitätsgeschlecht weiblich ist, die jedoch männliche äußere Geschlechtsmerkmale besitzen. Weiter wird mit dieser Aussage unterstellt, dass Transidentität irgendeinen Bezug zur sexuellen Orientierung von Menschen besitzen könnte. Auch dies ist jedoch sachlich falsch, da es empirisch erwiesen ist, dass die sexuelle Orientierung vollkommen unabhängig vom Identitätsgeschlecht ist. Um es ganz klar zu formulieren: Die Aussage, dass „Transsexuelle häufig zur Kategorie der Männer gezählt [würden], die Sex mit anderen Männern haben“, ist empirisch selbst für medizinische Laien ohne weiteres widerlegbar. Weshalb also wird ausgerechnet seitens der Bundesärztekammer eine derart realitätsferne These aufgestellt?

Die Bundesärztekammer legt demnach ihrer Analyse zum HIV-Risiko von Trans*-Personen das sachliche falsche Bild des „Mannes in Frauenkleidern, der Sex mit Männern“ anstrebt zugrunde. Die wissenschaflich unhaltbaren Thesen des oben zitierten Textes basieren demnach auf einem zu massiver Beleidigung geeigneten Vorurteil. Dabei werden Studien zitiert, die offenbar ebenfalls sehr realitätsferne Annahmen zugrunde legen.

Auch ansonsten verwundert der Text, da er durch erhebliche fachliche Defizite auffällt. Denn bereits Begriffe wie „Transsexuelle“ oder „Geschlechtsumwandlung“ lassen erkennen, dass sich die Autoren des Papiers nicht einmal ansatzweise mit dem Themenkomplex Transidentität auseinandergesetzt haben. Der Gendertreff empfiehlt der Bundesärztekammer deshalb dringend, sowohl den Kontakt mit einschlägigen Trans*-Organisationen – wie z.B. dem Gendertreff – als auch mit Fachmedizinern aus den Reihen der eigenen Mitglieder aufzunehmen. Es gilt als medizinisch anerkannt, dass eine Angleichung an das Identitätsgeschlecht angestrebt wird. Der korrekte fachliche Terminus lautet demnach nicht „Geschlechtsumwandlung“, sondern „geschlechtsangleichende Maßnahmen“. Weiter ist darauf hinzuweisen, dass der Terminus „Transidentität“ treffender ist, da er auf das Identitätsgeschlecht abhebt.

Die Aussagen zur Prostitution von Trans*-Personen sind schlichtweg völlig unqualifiziert und stellen eine abstoßende Beleidigung dar. Zwar mag es tatsächlich Trans*-Personen geben, die sich prostituieren. Bei sorgfältiger Recherche sollte die Bundesärztekammer jedoch feststellen, dass die überwiegende Mehrzahl der Trans*-Personen völlig normalen bürgerlichen Berufen nachgeht. Auch sollte der Bundesärztekammer bekannt sein, dass geschlechtsangleichende Maßnahmen in Deutschland von den Krankenkassen übernommen werden. Weshalb also sollte sich jemand zwecks Durchführung einer medizinischen Maßnahme prostituieren, deren Bezahlung die jeweilige Krankenversicherung übernimmt? Diese Aussage ist demnach in ihrer Argumentation nicht schlüssig. Desweiteren überrascht sie auch insofern, als die Bundesärztekammer die Spitzenorganisation von Ärzten ist, denen die Abrechnung medizinischer Leistungen mit den Krankenversicherungen aus der eigenen beruflichen Praxis hinlänglich bekannt sein sollte.

Das Zitieren einer einschlägigen deutschen Erotik-Webseite kann nicht als wissenschaftlich fundierte Recherche bzw. Datenanalyse bezeichnet werden. Im Wege einer Vorverurteilung und pauschalen Herabsetzung wird offenbar das gewünschte Ergebnis durch gezieltes Ausblenden der statistisch relevanten Grundgesamtheit herbeigeführt, indem man eben gerade nicht die zu betrachtende Grundgesamtheit – also alle Trans*-Personen – in die Erhebung einbezieht. Dies ist umso unverständlicher, als es in Deutschland und auch anderen Ländern namhafte Mediziner und auch Trans*-Organisationen gibt, die zur Erfassung der zur Ableitung einer validen Statistik benötigten Grundgesamtheit beitragen könnten.

Aus den hier monierten Passagen und den Einwürfen des Gendertreff wird deutlich, dass die Aussage, nach der Transidente ein besonders hohes HIV-Risiko haben sollen, wissenschaftlich nicht zu halten ist. Statt einer wissenschaftlich fundierten Analyse präsentiert die Bundesärztekammer Recherchen auf Erotik-Webseiten. Die Bundesärztekammer ignoriert die gängige Abrechnungspraxis der Krankenkassen und stellt statt dessen die realitätsferne Behauptung auf, dass sich viele Transidente prostituieren würden, um ihren Lebensunterhalt und insbesondere die Kosten von medizinischen Maßnahmen zu verdienen. Weiter ignoriert die Bundesärztekammer die empirisch sehr leicht zu überprüfende Tatsache, dass es sowohl Transfrauen als auch Transmänner gibt und legt ihren Ausführung ein empirisch nicht zu haltendes Vorurteil zugrunde.

Der Gendertreff fordert die Bundesärztekammer vor diesem Hintergrund auf, das zitierte Positionspapier in naher Zukunft zu überarbeiten und sich fachliche Unterstützung aus den Reihen einschlägiger Mediziner und Trans*-Organisationen einzuholen, um derart herabwürdigende und diskriminierende sowie medizinisch unhaltbare Aussagen in Zukunft zu vermeiden. Über eine Stellungnahme Ihrerseits würden wir vom Gendertreff uns ebenso wie die vielen Trans*-Personen freuen. Darüber hinaus bietet der Gendertreff seine Unterstützung bei der Erstellung einer fachlich fundierten Analyse an.

Dieser offene Brief wird der Bundesärztekammer per Briefpost ebenfalls zugestellt und vorab per E-Mail übermittelt.

Mehr zum Thema:

>> Antwort der Bundesärztekammer auf den offenen Brief des Gendertreff

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Der Gendertreff in Solingen 2016

Zum neunten Mal lud u.a. Silvia K. (Mitorganisatorin) zum Selbsthilfetag ins Klinikum Solingen und 42 Selbsthilfegruppen machten mit.

Wie schon im letzten Jahr hatte der Gendertreff wieder den guten Platz am Eingang des Foyers. Diesmal konnten wir auch unsere Beachflag draußen vor dem Eingang platzieren. Bereits während des Aufbaus des Standes konnten tiefgründige Gespräche geführt werden. Um 11:00 Uhr dann war alles fertig und der offizielle Teil begann. Ava, Nathalie, Rita, Ute, Xenia und später auch Jonas waren bereit. Es sollte ein intensiver Samstag werden.

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Anders als erwartet“ aber auch die Themen „Transidentität am Arbeitsplatz“, „Transidentität in der Schule“, „Transidentität und Medizin“ sowie „Transidentität und Recht“  waren die vorherrschenden Themen und wurden zur Diskussion aufgegriffen.

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Der Solinger Bürgermeister drehte seine Runde und verblieb zu einem längeren Gespräch an unserem Stand. Gerne nahm er eine „Grüne Karte für Diversity“ mit. Auch Silvia, die in vielen Gesprächen eingebunden war, besuchte uns zwischendurch gerne.

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Aber die zahlreichen Besucher konnten sich nicht nur über Transgender informieren. Blutdruck- und Blutzuckermessungen wurden durchgeführt. Kinder aber auch Erwachsene wurden auf Wunsch geschminkt und ein Künstler zauberte aus Ballons schöne Figuren.

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Sogar eine kleine Tanzformation zeigte ihr Können und verließ mit viel Applaus und jeweils einem Gendertreff Ballon das Foyer. Und damit nicht genug.

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Am Nachmittag bekam der Gendertreff die Gelegenheit kranke Kinder, auf der Kinderstation im 7. Stock des Klinikums, zu besuchen. Es war herrlich, wie sich die Kinder in ihren Zimmern über diese kleine Geste freuten, als sie die Gendertreff Ballons überreicht bekamen. Für alle war dies eine gelungene Abwechslung und für die Kinder eine schöne Überraschung im Klinikalltag, die ein wenig von der Krankheit ablenkte. Natürlich bekamen die anwesenden Eltern auch gleich noch die „Grüne Karte für Diversity“ als Information an die Hand.

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So sprang der Zeiger der großen Uhr auf 4 und alle bauten ab. Wir verabschiedeten uns und luden das Equipment in die Fahrzeuge.

Wir freuen uns auf den 10. Selbsthilfetag im Solinger Klinikum 2017.

>> Solingen Magazin

>> Solingen 2015

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NRW ist vernetzt

Das „Netzwerk Geschlechtliche Vielfalt Trans NRW“ NGVT*-NRW ist nun gegründet.

Der Grundstein für diese Vernetzung wurde bereits 2011 gelegt. Viele Selbsthilfeorganisationen, Einzelpersonen und Vereine trafen sich mit dem Ziel, die Vernetzung untereinander sowie die Selbsthilfe- und Öffentlichkeitsarbeit zu fördern und zu koordinieren. Dabei war und ist es wichtig, dass die beteiligten Trans*-Organisationen ihr eigenes Profil wahren und auch in Zukunft selbständig auftreten.

Wir sind uns sicher, dass von einem derartigen Austausch alle profitieren und in der Öffentlichkeit ein größeres Gewicht in der politischen und gesellschaftlichen Wahrnehmung erlangen können.

Nach vielen Treffen, Gesprächen aber auch Rückschlägen, ist es nun doch schließlich gelungen das Netzwerk zu gründen. Der Gendertreff, als Gründungsmitglied, freut sich und ist stolz darauf Teil dieses Netzwerks zu sein.

Gemeinsam wünschen wir uns viel auf den Weg zu bringen und einiges zu bewegen.

 

 

>> 2011: So fing es an

>> NGVT

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Fotos vom Gendertreff auf der Paracelsus Messe Düsseldorf 2016

Der Gendertreff klärte auf der Paracelsus Messe Düsseldorf 2016 über Transidentität auf und stand für Fachgespräche zum Thema Transgender zur Verfügung. Bereits zum vierten Mal waren wir mit einem Infostand auf der Gesundheitsmesse dabei.

Parallel zur Paracelsus Messe fanden in den Messehallen auf dem Areal Böhler die Messen Veggie World und Heldenmarkt statt. Wir rechneten also mit vielen Besuchern und tatsächlich: Am Freitag war der Start noch verhalten, denn der Freitag war ja ein ganz normaler Arbeitstag. Aber am Samstag und Sonntag wurde es richtig voll, denn bei bestem Wetter strömten viele Besucher auf das Messegelände.

Die Bilanz: Ungefähr jeweils 2.000 verteilte Flyer und Grüne Karten für Diversity sowie unzählige Gespräche mit Ärzt_inn_en, Psycholog_inn_en, Pflegepersonal und natürlich auch interessierten Messebesuchern.

Die Besucher hatten zahlreiche Fragen, die wir gerne beantworteten.

Marina, Ava und Nathalie im Gespräch mit Messebesuchern.

Ava und Xenia im Gespräch mit einer Messebesucherin. Dabei nutzten wir auch unsere Aktion anders als erwartet zur Aufklärung über Transidentität.

Endspurt zum letzten Messetag: Nach dem Herrichten des Messestands am Sonntagmorgen erwarten Ava und Marina die Besucher der Paracelsus Messe.

Ute und Ava präsentieren die Aktion anders als erwartet.

Manchmal kamen wir mit den Gesprächen kaum noch nach und das gesamte Standpersonal hatte alle Hände voll zu tun.

Nathalie und Ava mit Flyern und Grünen Karten.

Der Blick aus dem Stand heraus zeigt: Es war richtig voll auf der Messe und am Gendertreff-Stand war immer etwas los.

Die Gespräche am Gendertreff-Stand waren zum Teil sehr intensiv und in die Tiefe gehend, da wir auch von unseren persönlichen Erfahrungen mit unserer Transidentität bzw. der Transidentität von Familienangehörigen berichten. Gerade diese persönlichen Erfahrungsberichte regen viele Zuhörer zum Nachdenken an und helfen, falsche Vorstellungen über Transgender zu beseitigen.

Immer wieder stellen wir fest, dass vor allem Informationsdefizite bestehen, die mitunter zu diskriminierenden Situationen führen können. Dagegen hilft nur, die Aufklärungsarbeit in die eigene Hand zu nehmen. Und genau deshalb werden wir auch in Zukunft keine Gelegenheit auslassen, um das Thema Transidentität in der Öffentlichkeit bekannter zu machen.

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