Transidentität in der Schule: Ein Rückblick

Autorin: Flora99Transidentität in der Schule: Flora berichtet über ihre Erfahrungen, Erlebnisse und Empfindungen sowie ihre Transition während der Schulzeit.

In zwei Wochen gehe ich ins schriftliche Abitur, und damit wird meine Schullaufbahn (fast) zu Ende sein. Ich habe die letzten acht Jahre auf demselben, mittelgroßen Gymnasium zwischen Menschen aller Art verbracht und wäre mit Sicherheit damals nie darauf gekommen, wie mein Leben heute aussieht. In die Zeit auf dieser Schule fiel nahezu mein gesamter bisheriger „transidenter Lebenslauf“, wie man so schön sagt, weswegen ich jetzt so kurz vor dem Schluss viel darüber nachgedacht habe, wie er denn so verlaufen ist, mein „Weg“ in diesem Umfeld.

Eins ist klar: Obwohl ich vor acht Jahren nicht die geringste Ahnung hatte, dass ich eines Tages eine Transition antreten würde (im Gegensatz zu so manch anderer trans*-Geschichte war mir das nicht „schon immer klar“), hätte ich damals keine bessere Wahl treffen können. Die Schule ist mit knapp 700 Schüler_innen nicht allzu groß und das Kollegium habe ich durchgehend als aufgeklärt und unterstützend erlebt. Ich hatte bei verschiedensten Problemen die Unterstützung der Schulleitung, eine Rückendeckung, die alles andere als selbstverständlich ist. Auch sind die Schüler_innen (größtenteils) zumindest weltoffen genug erzogen, Themen wie Transidentität nicht feindlich gegenüber zu stehen. Und seien wir mal ehrlich: Für Kinder und Jugendliche zwischen, sagen wir, 10 bis 18 Jahren ist das schon eine ganze Menge.

Ich könnte viele Momente aufzählen, in denen ich von meinen Mitschülerinnen (und selten auch mal von Mitschülern) Unterstützung bekam. Die Klassenfahrt nach Mannheim vor ziemlich genau zwei Jahren wäre wohl das beste Beispiel, denn dort outete ich mich endgültig in der Schule. Ich erinnere mich bis heute daran, wie ich eines der ehrlichsten Gespräche über meine Transidentität mit meinen Mitschülerinnen hatte, bei Sonnenuntergang am alten Wasserturm. Es war genau die richtige Mischung aus Unterstützung und Wachrütteln die ich dort nötig hatte, und ich bin den Beteiligten bis heute dankbar.

Das bringt mich aber auch zu meinem großen Kritikpunkt: Solche Gespräche gab es danach nicht mehr oft. Ich „transitionierte“ so vor mich hin, Haare, Makeup, Klamotten und parallel das Selbstbewusstsein wurden komplettüberholt und aufgebessert, und es ging mir immer besser. Heute, zwei Jahre später, gibt es an meiner Rolle als Frau in der Schule absolut gar nichts mehr zu rütteln, von keiner Seite. Alle möglichen Idioten und Uninformierten wurden teils durch mich und teils hinter meinem Rücken abgewehrt, aufgeklärt oder auch beides. Mittlerweile habe ich oft das Gefühl, viele haben meine Transidentität schon wieder vergessen, und bei manchen Neuen weiß ich nicht einmal, ob ihnen überhaupt jemand davon erzählt hat. Was mein großes Problem dabei ist, wird am besten am Beispiel einer Mitschülerin von mir klar, die sich gern sehr weltoffen gibt. Sie ist immer engagiert und hilft wo sie kann, schützt mich auch mal in meiner Abwesenheit vor Lästerattacken usw. Jedoch bin ich mir auch bei ihr immer sicherer, dass sie eigentlich viel weniger Ahnung von Transidentität hat als sie vorgibt. Wenn sie mich nach zwei Jahren als Frau an dieser Schule auf einmal fragt, welche Toilette ich benutze, macht mich das schon stutzig. Ihr fiel auch erst neulich auf, dass „Transsexualität“ ja offiziell eine psychische Störung sei und dass man es als transidente Person ja doch nicht so einfach hätte bei Ämtern und Gerichten. Außerdem kommen von ihr manchmal Sätze, die sehr falsch rüberkommen können, sowas wie „Du solltest echt froh über deinen Körper sein, wenigstens kriegst du deine Tage nicht“. Dieses Statement könnte man in einem eigenen, seitenlangen Text diskutieren, aber ich glaube der Punkt ist klar: Nettes Mädchen, hat aber von vielem keine Ahnung.

Geübte Gendertreff-Leser_innen kennen das Patentrezept, das hier helfen würde: Reden, aufklären, an das Thema vielfältig heranführen. Und genau da liegt mein Problem und das, was ich an meiner Zeit auf dieser Schule manchmal bereue: Dass ich genau dazu so wenig Gelegenheiten hatte, und sie mir nicht selbst geschaffen habe.

In einem Schulsystem, dessen Lehrpläne das Thema Geschlechtsidentität (noch) komplett außen vor lassen ist es schwer, es in den Unterricht einzubauen, ohne dass es zum nervigen „hier kommt Flora zum zehnten Mal mit ihrem Gerechtigkeits-Firlefanz“-Dauerbrenner wird. Und es ist genauso schwierig, eine offene Diskussion auf das Thema umzulenken, wenn niemand sonst Ahnung oder Lust genug hat, darüber mit dir zu diskutieren. Am allerschlimmsten ist aber der Fakt, dass sich nahezu niemand traut, Fragen zu stellen.
Ich sehe das aus meiner persönlichen Erfahrung heraus als ein riesiges Problem an. Die Leute bekommen nur extrem wenig tatsächliche Information über Transidentität, werden aber überschüttet mit irreführenden trans*-Reality-Shows und Gruselgeschichten über all die „social justice warriors“ und „political correctness-Fanatiker“ die alles, absolut alles ankreiden würden, was nicht 100% unangreifbar korrekt ausgedrückt sei. Natürlich sind das größtenteils übertriebene Ammenmärchen. Dennoch ist es wahr, dass es oft genau die kleineren Diskussionen über bestimmte Ausdrücke, einen schlecht dargestellten Film, oder irgendeine problematische Promi-Aussage sind, die tatsächlich die breitere Öffentlichkeit erreichen, anstatt die großen Probleme, die viel mehr trans* Menschen betreffen, wie die medizinische Versorgung oder juristische Hürden. In den Köpfen existieren also nicht nur die altbekannten Vorurteile, sondern auch die ständige Angst davor, etwas Falsches zu sagen, und damit den Zorn des Gegenübers auf sich zu ziehen.

Ich habe es für meine Verhältnisse schon viel zu oft erlebt, dass wenn sich überhaupt einmal jemand traut, eine Frage zu stellen, davor erstmal eine fünfminütige Einleitung à la „ich will dir ja wirklich nicht zu nahe treten“ kommt, obwohl die Frage völlig harmlos ist. Und ich bin davon überzeugt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dieser Angst, etwas falsch zu machen und unserem Verhalten als trans* Menschen (ich schließe mich da nicht aus). Wenn z.B. eine bekannte Person, auch wenn sie ganz offensichtlich nicht transphob ist, wegen einer Fehlformulierung von der Community öffentlich zerlegt wird, sendet das natürlich ein anderes Signal als eine trans* Community, die freundlich und sachlich aufklärt und auch innerhalb verschiedene Meinungen zulässt.

Mir ist dieser „Fehler“, wenn man es denn so nennen will, auch schon passiert. Ich wusste schon früh genau, dass „Geschlechtsumwandlung“ kein passendes Wort ist und habe das auch offen kommuniziert. Dass es aber vielleicht nicht das Einladendste ist, wenn man gleich bei der ersten Frage, die jemand stellt, Formulierungsdetails bemängelt, hatte ich nicht bedacht. Dass danach (wenn überhaupt) nur noch vorsichtig nachgefragt wird, ist dann ja wohl kein Wunder. Für mich war es selbstverständlich, dass das Lernen der „richtigen“ Wörter dazu gehört, wenn man sich über Transidentität informiert. Aber für viele der Leute, mit denen ich darüber spreche, ist das Thema absolutes Neuland, sie wagen bei jeder Frage den Sprung ins kalte Wasser. Und für diese Leute kam es dann wahrscheinlich so an, als würde ich mit erhobenem Zeigefinger korrigieren und ihnen vorhalten, wie wenig sie wissen. Und das zerstört natürlich jede Unterhaltung, die danach hätte kommen können.

Ich weiß jetzt, dass es eines meiner Ziele sein wird, Transidentität in meinem Umfeld nicht nach hinten zu schieben, sondern es für die anderen so normal zu machen wie für mich selbst. Die Leute sollten nicht nur mit einem „ich bin so tolerant, macht ihr doch wie ihr wollt“-Ansatz denken, sondern auch tatsächlich etwas darüber wissen, wie man als trans* Mensch lebt, und was das alles für Probleme mit sich bringt. Und damit das so wird, muss man als trans* Mensch auch auf die Leute zugehen, geduldig sein, nicht Leute gleich als „problematisch“ abstempeln, und immer bereit sein zu erklären. Zumindest sehe ich das im Moment so und werde auch versuchen, das besser zu machen. Und wer weiß, vielleicht hole ich damit in den wenigen verbliebenen Wochen auf dieser Schule ja noch so einiges nach!

Trotz allem muss eins klar sein: Dass es mich enttäuscht hat, wie wenig Wissen über Transidentität letztendlich bei vielen in meiner Schule da war, ist eigentlich ein Luxusproblem. Ich hatte nur das Gefühl, dass durch mein mittlerweile souveränes Auftreten als Frau und durch die wenigen Gespräche über das Thema bei vielen der Eindruck entstanden war, dass man sich als trans* Frau outet, sich die Haare wachsen lässt und dann ist alles super. Es hat mich geärgert, dass fast niemand von den vielen Kämpfen wusste, die für jeden Erfolg auf diesem Weg nötig sind. Trotzdem ist der Umgang meiner Schule insgesamt schon fast vorbildlich, schließlich wären die meisten anderen jungen trans* Menschen froh und dankbar, hätten sie so ein verständnisvolles Umfeld in der Schule gehabt. Es gibt so viele Geschichten von kleinen Nettigkeiten die ich aus meiner Schulzeit erzählen kann, wie von meinem Oberstufenberater, der mich monatelang immer wieder gefragt hat wie es um meine Personenstandsänderung steht, weil er mir endlich ein Zeugnis „richtig“ ausstellen wollte. Die Leute auf meiner Schule mögen zwar keine Expert_innen zum Thema Transidentität sein, aber haben mich im Großen und Ganzen wie selbstverständlich aufgenommen.

Anfang Juli findet nun der Abiball statt, der endgültige Abschluss meiner Schulzeit. Dort werde ich nicht nur als eine ganz normale Schülerin mein Abiturzeugnis entgegennehmen, sondern darf auch als Moderatorin durch den Abend führen. Wie selbstverständlich in einem Kleid auf der Bühne vor dieser vollen Halle stehen zu dürfen, wird letztlich einer von vielen Beweisen sein, dass „Trans* und Schule“ in meinem Fall trotz aller Makel eine Erfolgsgeschichte war.

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Vom zurückhaltenden Mann zur selbstbewussten Frau

Aus dem Berlin-Lichtenberger Rathaus:

 

An dem Schreibtisch, an dem früher Heinz saß, sitzt heute Doris. Die Leiterin des Fachbereiches Naturschutz im Bezirksamt Lichtenberg ist nicht in den Ruhestand gegangen und auch nicht versetzt worden. Sondern hat sich geoutet.

50 Jahre hat sie versucht ein Mann zu sein und hat dabei eine Rolle gespielt………………Heinz ist früher durch die Gänge im Amt geschlichen, heute schwebt sie über den Flur.

Und eine Selbsthilfegruppe unterstützt die Transfrau dabei, in ihrem neuen Leben anzukommen.

 

Quelle: Rathausnachrichten Lichtenberg

Ava – ein Interview

Das folgende Interview habe ich im Januar 2016 für das Magazin STRAIGHT anlässlich des Filmstarts von The Danish Girl gegeben. Da es bislang nicht online veröffentlicht wurde und viele teils sehr persönliche Eindrücke wieder gibt, habe ich es aktualisiert und gebe es an dieser Stelle wieder. Ich habe es zudem um einige Fotos aus dem vergangenen Jahr 2016 ergänzt – Ava

Wie war Dein Gefühl  als Du zum ersten Mal Ava sein zu durftest?

Wie es vermutlich bei den meisten transidenten Menschen der Fall ist, war es ein Gefühl der Befreiung. Wobei eine Formulierung wie „zum ersten Mal Ava sein durftest“ letztlich falsch ist. Denn ich bin Ava und war es schon immer.

Transidente Menschen entscheiden sich nicht, plötzlich einen „anderen Lebensentwurf“ zu leben. Vielmehr ist es so, dass eine Diskrepanz zwischen dem äußeren Erscheinungsbild (bei mir ist dies ein männlicher Körper) und dem Inneren, dem Identitätsgeschlecht (bei mir weiblich), gibt.

Die beschriebene Diskrepanz führt häufig zu einer Unzufriedenheit und Zerrissenheit. Dabei muss man bedenken, dass ich zu einer Zeit geboren wurde und auch aufgewachsen bin, zu der man noch nicht jede beliebige Information über das Internet bekam. Folgerichtig war es damals – letztlich bis in die 1990er Jahre – schwer, eine Definition dafür zu erhalten. Auch war es ungleich schwieriger, sich mit anderen Transidenten auszutauschen. Die heute verfügbaren Informations- und Selbsthilfeangebote gab es damals noch nicht.

Im Wesentlichen verfügte man über ein „Halbwissen“, das aus Erzählungen oder überwiegend dem Klamauk zuzuordnenden Filmen resultierte und aus dem sich noch heute viele Vorurteile ableiten. So hat Transidentität überhaupt nichts mit Sexualität zu tun, weshalb viele Transidente dem Begriff „Transsexualität“ eher ablehnend gegenüberstehen.

Mit zunehmender Verbreitung des Internet gab es dann nach und nach die ersten Informationsangebote. Irgendwann meldete ich mich dann in einem Internet-Forum an, gab mir den Namen Ava und einige Zeit später besuchte ich zum ersten Mal ein Selbsthilfetreffen.

Es tat einfach nur unendlich gut, zu sehen, dass man nicht alleine ist, sich mit anderen auszutauschen und auch von ihnen zu lernen. Sich nach all den Jahren einfach auszuleben, die ersten Schritte in die Öffentlichkeit zu wagen, das war ein unbeschreibliches Gefühl.

Wann hast Du für Dich das erste Mal gespürt, irgendwie schere ich aus?

Einen genauen Zeitpunkt kann ich nicht wirklich benennen. Vielmehr merkte ich es an vielen kleinen Dingen. Ich konnte z.B. nie mit dem Imponiergehabe anderer Jungen etwas anfangen. Ich habe mich immer schon für weibliche Kleidung interessiert und bin bis heute bekennendes Fashion Victim mit einer deutlichen Vorliebe für elegante Kleider und Kostüme.

Aufgrund der männlichen Sozialisierung und auch mangelnder Informationen war es jedoch für mich nicht einzuordnen, welchen Grund es dafür wirklich gibt. Meine Kindheit habe ich in den 1970er Jahren erlebt, die Pubertät in den 1980er Jahren. Damals gab es keine Informationen, die zu den Empfindungen gepasst hätten.

Also habe ich die Transidentität, eine Eigenschaft, für die ich damals nicht einmal einen Begriff kannte, letztlich nach außen hin verdrängt. Natürlich habe ich damals schon heimlich Damenkleidung anprobiert. Aber das habe ich natürlich geheim gehalten. Nach außen war ich „der ganz normale Junge“ und später eben „der ganz normale Mann“.

Letztlich leidet man innerlich. Manche mehr, manche weniger. Zum Glück bin ich eher pragmatisch eingestellt und habe immer schon ein recht dickes Fell gehabt. Trotzdem steht es einem natürlich immer wieder im Weg, wenn man sich ständig mit sich selbst beschäftigt.

Auf der Paracelsus Messe 2016 in Düsseldorf – Gespräch mit einer Messebesucherin

Wann und wie war Dein Leidenspunkt erreicht und der Wendepunkt kam?

Wie gesagt habe ich eine recht pragmatische Einstellung und bin auch mit einem relativ dicken Fell ausgestattet. Allerdings ist es so, dass niemand seine Identität jahrzehntelang verstecken kann. Irgendwann kommt der Punkt, an dem bildlich gesprochen der Druck so groß ist, dass der Kessel irgendwann zum Platzen kommt. Bei mir war dieser Punkt Mitte der 2000er Jahre erreicht.

Niemand, der es nicht selbst erlebt hat kann sich vorstellen, was es bedeutet, jahrzehntelang ein Geheimnis mit sich herumzuschleppen, über das man mit niemandem auf der Welt sprechen kann. Als ich dann irgendwann in den 1990er Jahren die ersten Webseiten entdeckte, die sich mit dem Thema befassten, stellte ich erstmals fest, dass es offenbar wesentlich mehr Transidente gab, als ich bis dahin angenommen hatte. Wichtig war auch, dass ich erstmals über Begriffe wie „Transgender“ oder „Transidentität“ stolperte, die meinem Empfinden einen Namen gaben.

Es folgten einige Jahre, in denen ich nur still mitgelesen habe. Manche Transgender hatten Webseiten mit tollen Fotos und ich habe damals gedacht, dass ich so etwas wohl niemals erreichen könnte. Doch schließlich wurde der Druck immer größer. Wie bereits beschrieben habe ich mich dann zunächst in einigen Internet-Foren angemeldet und irgendwann den Schritt gewagt, zu einem Selbsthilfetreffen zu gehen.

Diesen Schritt kann man tatsächlich als Wendepunkt betrachten. Denn ich konnte feststellen, dass es noch viele andere Transgender gab. Sehr wichtig war es auch, mir selber einzugestehen, dass ich transident bin.

Durch das Selbsthilfetreffen konnte ich damals die ersten Schritte in die Öffentlichkeit unternehmen, mich mit anderen austauschen und lernen, in der Öffentlichkeit zu meinem Identitätsgeschlecht zu stehen. Das ist ein sehr wichtiger Schritt, denn das hilft, einen individuellen Weg zu finden, mit der eigenen Transidentität umzugehen.

Allerdings muss ich sagen, dass ich wirklich Glück hatte, immer schon mit einer gewissen Dickfelligkeit ausgestattet zu sein. Ich habe im Laufe der Jahre durch unsere Selbsthilfearbeit im Gendertreff-Team Menschen kennen gelernt, die weitaus größere Probleme mit ihrer Geschlechtsidentität hatten als ich selber. Burn-out, Depressionen oder Alkoholismus sind durchaus Symptome, die mit der Transidentität in einem Zusammenhang stehen können. Transidentität ist keine Krankheit, kann aber sehr krank machen, da sie vielfach mit einem hohen Leidensdruck einhergeht. Deshalb ist es ja auch so wichtig, transidenten Menschen und ihren Angehörigen eine Anlaufstelle zu bieten. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich weiterhin im Gendertreff engagiere.

Mit Gendertreff-Team-Kollegin Nathalie auf der Paracelsus Messe 2016 in Düsseldorf

Wie sieht Dein Alltag aus?  

Derzeit lebe ich meine Transidentität in Teilzeit aus. Das bedeutet, dass ich als Mann arbeiten gehe. Den überwiegenden Teil meiner Freizeit verbringe ich im Identitätsgeschlecht.

Das ist weniger spektakulär, als manche sich das vielleicht vorstellen: Ich gehe Essen oder ins Kino, Shoppen usw. Es ist der ganz normale Alltag einer ganz normalen Frau.

Die Entscheidung für eine Teilzeitlösung habe ich für mich aus einer ganzen Reihe von Gründen getroffen. Es kann aber durchaus sein, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem mir auch das nicht mehr möglich ist. Das wird die Zeit zeigen.

Wer weiß, wie Du tickst?

Die Formulierung „wie Du tickst“ suggeriert, dass man sich für Transidentität entscheiden könnte. Das ist aber, wie weiter oben ausgeführt, nicht der Fall. Fragen wir also besser danach, wer von meiner Transidentität weiß.

Im privaten Umfeld wissen die meisten Bekannten Bescheid. Das lässt sich ja schlecht verhindern, wenn man privat überwiegend im Identitätsgeschlecht lebt. Auch einige berufliche Kontakte wissen es.

Wie reagiert Dein Umfeld – wie offen gehst Du damit um?

Ich gehe im beruflichen Umfeld nicht mit meiner Transidentität hausieren, verstecke mich aber auch nicht. Da ich mich im Gendertreff engagiere, nehme ich an allen möglichen Aktivitäten rund um unsere Öffentlichkeitsarbeit teil: Wir haben in jedem Jahr Infostände auf diversen Gesundheitsmessen, Informationsveranstaltungen usw. Wenn man z.B. auf dem Selbsthilfetag in der Düsseldorfer Innenstadt auf der Bühne ein Interview gibt, dann ist das schon ziemlich öffentlich.

Da ich mich auch ansonsten nicht verstecke, kann es natürlich ständig vorkommen, dass ich auch mal jemandem über den Weg laufe, der noch nicht von meiner Transidentität weiß. Ich fahre im Identitätsgeschlecht in den Urlaub oder gehe auch auf Geschäftsreisen nach meinen Terminen im Identitätsgeschlecht aus. Ich gehe so einkaufen, treffe mich mit Freunden usw. Auch auf der Gendertreff Plattform im Internet gibt es ja diverse Fotos von mir, ebenso auf dem Gendertreff-Facebook-Account usw. Man kann also sagen, dass ich sehr offen mit meiner Transidentität umgehe.

Das Umfeld reagiert überwiegend positiv. Großartige Probleme habe ich bislang nicht damit gehabt. Leider tut sich ausgerechnet meine Familie mit dem Thema sehr schwer. Sollte ich mich irgendwann dafür entscheiden, die Transition (die juristische und medizinische Angleichung an das Identitätsgeschlecht) durchzuführen, dann könnte das demnach noch Konfliktpotential beinhalten.

Mit Gendertreff-Gründerin Xenia auf der Bühne beim Düsseldorfer Selbsthilfetag 2015

Welche Gedanken treiben viele Menschen um, die sich in ihrem biologischen Körper nicht uneingeschränkt zufrieden fühlen?

Dass die Diskrepanz zwischen Identitätsgeschlecht und körperlichem Geschlecht zu einem hohen Leidensdruck führen kann, hatte ich ja bereits erwähnt. Wir haben über die Jahre unserer Selbsthilfetätigkeit viele Menschen kennen gelernt, die alle möglichen Vermeidungsstrategien hatten, nur um diesem Leidensdruck zu entfliehen. Von Workoholics über die Flucht in den Extremsport bis hin zu Menschen mit Depressionen oder Suchtkrankheiten haben wir schon viele teils schwere Probleme gesehen.

Deshalb ist es wichtig, Transidenten und ihren Angehörigen Anlaufstellen zu bieten, bei denen sie ihre Probleme besprechen und Erfahrungen, Ängste und Nöte austauschen können. Denn bis man soweit ist, dass man mit seiner Transidentität ungezwungen umgehen kann, muss man durchaus an sich arbeiten und sollte ggf. durchaus auch psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Weitere Bausteine sind Fragen wie die, ob man z.B. mit einer Transition beginnen sollte. Soll man eine Hormontherapie beginnen? Wann ist der geeignete Zeitpunkt? Wie steht die Familie dazu? Wie bringe ich es meinen Freunden, Verwandten usw. bei? Die Themenliste ist schier endlos.

Ein großes Problemfeld ist nach wie vor das Thema Transidentität und Beruf. Zwar kennen wir auch sehr viele Beispiele, bei denen das Coming-out und die Transition im beruflichen Umfeld sehr gut verlaufen sind. Leider gibt es jedoch auch immer noch Fälle, in denen es zu teils großen Problemen bis hin zum Verlust der Arbeitsstelle gekommen ist. Hier ist noch viel Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. Deshalb hat der Gendertreff die Aktion Trans* am Arbeitsplatz ins Leben gerufen. Hier finden Transidente Hilfestellung, wie z.B. einen auf realen Erfahrungen basierenden idealtypischen Ablaufplan für das Coming-out im beruflichen Umfeld. Weiter finden Personalverantwortliche, Kollegen usw. Informationen aus erster Hand. Auf der Aktions-Webseite Trans* am Arbeitsplatz können zudem Unternehmen und Institutionen ihre Unterstützung signalisieren. Bislang konnten wir die SODEXO-Gruppe, das Universitätsklinikum Essen, die Stadt Düsseldorf, die Behörde IT.NRW sowie den DGB und die Gewerkschaft IG BCE als Unterstützer gewinnen. Weitere Unternehmen und Institutionen sind selbstverständlich herzlich eingeladen, die Aktion zu unterstützen und sich als fortschrittliche Institutionen zu präsentieren, die dem Thema Diversity offen gegenüber stehen.

Wo kann der Gendertreff helfen?

Der Gendertreff bietet zunächst einmal mit der Gendertreff-Plattform eine große Informationssammlung. Wir haben ein Verzeichnis von Links und Adressen, Erfahrungsberichte, Hintergrundwissen usw. veröffentlicht. Hier finden Transidente, Angehörige und auch die interessierte Öffentlichkeit demnach jede Menge Informationen zum Thema Transidentität.

Weiter betreiben wir mit dem Gendertreff-Forum eine Plattform zum virtuellen Austausch sowie mit dem Gendertreff Düsseldorf, dem Gendertreff Leverkusen, dem Gendertreff Iserlohn und dem Gendertreff Berlin vier Selbsthilfetreffen, bei denen sich Transidente und ihre Angehörigen austauschen können. Im Verlauf des Jahres 2017 kommt darüber hinaus mit dem Gendertreff Dessau ein weiteres Selbsthilfetreffen hinzu.

Unsere Treffen finden in öffentlichen Lokalen statt. Dies hat folgenden Hintergrund: Zum einen müssen die Besucher unserer Selbsthilfetreffen eine gewisse Hemmschwelle überwinden. Das ist wichtig, damit sie lernen können, in der Öffentlichkeit zu ihrem Identitätsgeschlecht zu stehen. Denn Schwimmen lernt man ja auch nur, wenn man ins Wasser steigt.

Weiter merken die Besucher unserer Selbsthilfetreffen dann ganz schnell, dass sie sich problemlos in der Öffentlichkeit bewegen können. So machen sie im Schutz einer Gruppe die ersten Schritte, die sich meist mehr und mehr verselbständigen. Zu guter Letzt ist es natürlich auch einfacher, sich in einer gemütlichen und lockeren Atmosphäre mit anderen auszutauschen.

Unsere Selbsthilfetreffen haben somit bewusst keinen „Stuhlkreis-Charakter“. Moderiert werden sie nur insofern, als wir darauf achten, dass Neuankömmlinge gut in die Treffen integriert werden. Weiter achten wir darauf, dass z.B. keine Dinge berichtet werden, die gefährlich werden könnten. Dinge wie z.B. das „Ausprobieren von Hormonen“ können die Gesundheit gefährden. Deshalb würden wir in einem solchen Fall einschreiten. Auch achten wir darauf, dass keine Gruppendynamik entsteht und die Besucher unserer Selbsthilfetreffen so einen individuellen Umgang mit der eigenen Transidentität finden.

Ebenfalls wichtig ist es, den Besuchern unserer Selbsthilfetreffen zu helfen, die Transidentität nicht nur aus der eigenen Sicht zu sehen. Wenn sich z.B. in einer Familie der Ehemann nach mehreren Ehejahren als transident outet, so ist es ganz normal, dass in der Familie Ängste vorhanden sind. Eine Methode nach dem Motto „mit dem Kopf durch die Wand“ ist da meist wenig hilfreich. Hier ist es wichtig, dass im Gendertreff-Team auch mehrere Partnerinnen von Transgendern als Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Der Gendertreff hilft insbesondere durch die Sammlung von Erfahrungen aus erster Hand. So kann man sich im Gendertreff-Forum oder auf unseren Selbsthilfetreffen mit anderen austauschen und von deren Erfahrungen profitieren. Auf unserer Gendertreff-Plattform gibt es das Gendertreff Blog / Magazin mit vielen Erfahrungsberichten. So haben wir z.B. ganze Transitions-Tagebücher veröffentlicht, in denen Transgender von ihren Erfahrungen von den ersten Empfindungen bis hin zur geschlechtsangleichenden Operation berichten.

Beispielsweise hat Gendertreff-Gründerin Xenia den Brief veröffentlicht, mit dem sie sich damals bei ihrer Frau offenbart hat. Weiter haben wir einen idealtypischen Transitionsablauf oder das „kleine 1 x 1 der Hormone“ veröffentlicht, in dem beschrieben wird, wie Hormone im Körper wirken. Zurzeit stehen im Gendertreff Blog / Magazin beispielsweise über 150 Artikel mit Informationen und Erfahrungsberichten zur Transition und über 200 weitere Erfahrungsberichte zur Verfügung. Hinzu kommen die Beiträge im Gendertreff-Forum. Alleine das Internet-Angebot des Gendertreff bietet somit einen riesigen Fundus an Informationen.

Wichtig ist: Der Gendertreff kann helfen, Probleme zu lösen. Aber lösen muss man die Probleme schon selber. Nur wer sich wirklich mit seiner Transidentität auseinandersetzt, kann auch zufrieden im Identitätsgeschlecht leben. Jeder Mensch muss einen eigenen, individuellen Weg finden, mit der Transidentität umzugehen. Das berufliche oder familiäre Umfeld ist bei jedem Menschen anders. Ziel muss es sein, dass Transidente ihre Arbeit oder auch ihre Familie behalten und dennoch ihre Transidentität nicht verstecken.

Darüber hinaus betreiben wir Öffentlichkeitsarbeit und nehmen auch an der politischen Diskussion zum Thema Transidentität teil. Hier haben wir das Ziel, durch Information Vorurteile abzubauen und somit die Lebenssituation transidenter Menschen nachhaltig zu verbessern. Seit 2016 etablieren wir zudem mit der Gendertreff Messe eine Veranstaltungsreihe zum Austausch zwischen Transgendern, Angehörigen, der interessierten Öffentlichkeit sowie Fachleuten wie Chirurgen, Psychologen, Beratungsstellen und speziellen Dienstleistern rund um Trans*-Bedarf.

Am Stand der Düsseldorfer Selbsthilfe-Organisationen während der Feierlichkeiten zum Jubiläum 70 Jahre NRW in 2016 in Düsseldorf

Was sind die häufigsten Vorurteile gegenüber Transgendern?

Mitunter werden Transidentität und Travestiekünstler verwechselt. Wir sind aber keine schrill-bunten Kunstfiguren wie z.B. Olivia Jones. Die überwiegende Zahl Transidenter sind „ganz normale Menschen“: Ganz normale Frauen, die in einem Männerkörper geboren wurden oder ganz normale Männer, die in einem Frauenkörper geboren wurden, um es mal anschaulich zu beschreiben. Zudem gibt es auch Menschen, die sich keinem Geschlecht eindeutig zugehörig fühlen und sich als non-binary bezeichnen.

Oft wird auch Transidentität mit Homosexualität verwechselt, dies insbesondere bei Transfrauen. Dabei verteilen sich Heterosexualität und Homosexualität über die Grundgesamtheit transidenter Menschen ebenso wie beim Rest der Bevölkerung. Hinzu kommt, dass derartige Begriffe von einem Geschlechtermodell ausgehen, in dem es eine klare Trennung zwischen männlich und weiblich gibt. Doch die Frage, ob z.B. ich, Ava, nun ein heterosexueller Mann mit einem weiblichen Identitätsgeschlecht bin oder aber eine lesbische Frau, die in einem Männerkörper leben muss, zeigt, dass diese Zuordnung völlig unpassend ist.

Insgesamt muss ich jedoch feststellen, dass mir selten Menschen begegnen, bei denen ich aufgrund von Vorurteilen negative Erfahrungen mache.

Dass das berufliche Umfeld mitunter problematisch sein kann, habe ich weiter oben bereits erwähnt.

Was kann da ein Film wie The Danish Girl oder die Serie Transparent beitragen?

Grundsätzlich ist es hilfreich, wenn das Thema Transidentität in den Medien präsent ist, denn dies führt dazu, dass sich Menschen mit dem Thema auseinandersetzen. Fehlende Information ist bis heute nämlich die häufigste Ursache für vermeintliche und auch tatsächliche Diskriminierung.

Dabei ist es m.E. egal, über welches Medium die Information transportiert wird. Dies kann ein Kinofilm wie The Danish Girl ebenso sein wie ein Theaterstück, ein Song, ein Infoflyer oder ein Zeitungsartikel. Wichtig ist aber, dass die Information im Mittelpunkt steht und nicht Selbstdarstellung oder Sensationsgier. Leider neigen manche Medien jedoch dazu, sich eher an „Quote bringenden Charakteren“ zu orientieren und zeigen mitunter ein verzerrtes bzw. einseitiges Bild transidenter Menschen, das eben nicht der Mehrzahl der Transgender entspricht.

Der Film The Danish Girl orientiert sich an der Biographie von Lili Elbe und basiert somit auf dokumentierten Fakten. Der Trailer, den ich im Internet gesehen habe, machte einen guten Eindruck. Insofern erwarte ich, dass der Film dazu beiträgt, dass das Thema Transidentität weiter in die Mitte der Gesellschaft rückt.

Gerade in den letzten Jahren fällt auf, dass das Thema Transidentität sehr häufig in den Medien ist. Das halte ich grundsätzlich für eine positive Entwicklung, da die Medien dank ihrer enormen Reichweite viele Menschen sensibilisieren können.

Scheint es nur so, oder würdest Du bestätigen, dass die Offenheit der Gesellschaft größer geworden ist? 

Ich finde schon, dass die Gesellschaft grundsätzlich offener geworden ist. Es gibt zwar sicherlich noch viel zu bewegen, aber wir sind meiner Meinung nach auf einem guten Weg.

Auch deshalb engagiere ich mich weiterhin im Gendertreff. Denn ich bin überzeugt, dass wir mit fundierter Selbsthilfe- und Öffentlichkeitsarbeit noch sehr vielen Transgendern und ihren Angehörigen helfen können.

Im Winter 2016 auf der Zugspitze

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Selbstverteidigung kann gelernt werden

Bereits zum dritten Mal besuchten wir, eine Gruppe von 11 Personen, den Selbstverteidigungskurs in Duisburg. Warum das Ganze?

Selbstverteidigung ist die Vermeidung und die Abwehr von Angriffen auf die seelische oder körperliche Unversehrtheit eines Menschen. Selbstverteidigung besagt im Grunde, dass eine Person sich selbst gegen einen externen Angriff aktiv verteidigt. Es spielen also zwei Faktoren eine Rolle, zum einen der Angriff und zum anderen die Verteidigung.

Du kannst für dich nur die Verteidigung direkt beeinflussen und musst auf den Angriff reagieren. Es hängt also sehr viel von dir und den Techniken ab, die du kannst.

Muss ein Opfer fürchten, dass seine „rechtlich geschützten Interessen“ oder die eines anderen verletzt werden, darf es sich wehren. Dazu gehören:

– das Leben
– die körperliche Unversehrtheit
– die sexuelle Selbstbestimmung
– Eigentum
– die Ehre

Wichtig ist, dass man sich nur dann verteidigt, wenn man auch gerade angegriffen wird.

Am besten geht man Angriffen aus dem Weg – Ha, Ha, Ha. Manchmal leichter gesagt als getan. Aber ja, es gibt Möglichkeiten:
Nachts in Gruppen nach Hause gehen, ein Taxi statt den Bus nehmen, ruhige Abkürzungen meiden, um eine zweifelhafte Gruppe herum gehen bzw. die Straßenseite wechseln, Selbstbewusstsein ausstrahlen, mit erhobenem Haupt durch den Alltag gehen, etc., etc.

Aber dann passiert es doch – Ein Angriff droht. Weglaufen ist eine gute Option und/oder Hilfe rufen und suchen. Aber auch das funktioniert vielleicht nicht und nun?

Da hilft tatsächlich ein Selbstverteidigungskurs bei dem man Tricks und Kniffe lernt, sich zu verteidigen und damit oft einfach nur Zeit zum Weglaufen zu gewinnen.

Viele Kampfsportgruppen und Vereine bieten Selbstverteidigungskurse an und so haben wir uns ein wiederholtes Mal angemeldet um in 2×4 Stunden Tipps, Tricks und Kniffe zu erlernen bzw. aufzufrischen. Das Training hat wieder sehr viel Spaß gemacht und wir haben unsere Scheu und Ängste überwunden. Wichtig ist es, die Übungen öfter zu wiederholen!

 

>> Olaf, komma eben

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Reformation für Alle – Transidentität/Transsexualität und Kirche

Im 500. Jahr der Reformation erneuert sich die Evangelische Kirche in Deutschland. Reformationen sind immer im Gange und beeinflussen auch das Denken aller anderen Menschen, egal ob sie evangelische Christ_innen sind oder nicht.

Lassen Sie sich von diesen neuen Wegen inspirieren und gehen Sie mit der Broschüre auf Nahreise in Welten in Ihrer Nachbarschaft.

Januar 2017

 

Die gedruckte Broschüre kann in Kürze über das Publikationsverzeichnis des www.bmfsfj.de bestellt werden.

Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) e.V. Gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Mit freundlicher Genehmigung der dgti

 

>> Broschüre

>> Trans* und Kirche

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Mein Leben als Frau – viel mehr als ein Alltagstest

Autorin: Svenja

Nun will ich schon seit einer Ewigkeit wieder berichten. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.
Einige Erlebnisse habe ich inzwischen schon stichpunktartig aufgeschrieben. Die wollen „nur“ noch ein bisschen in Form gebracht und gepostet werden. Mir fehlt jedoch einfach die Zeit. Oder besser, die Zeit fehlt mir nicht. Ich setze sie nur anders ein. Ich lebe jetzt einfach mal und nutze die Gunst der Stunde mein bisher verkorkstes Leben zu ordnen, Kontakt mit alten Freund_innen und Bekannten, Verwandten und Kund_innen zu pflegen. Neue Menschen kennenzulernen.
Das Forum vergesse ich dabei nicht. Dem Forum bzw. den Menschen dort verdanke ich sehr viel!
Darum sage ich jetzt mal „Vielen herzlichen Dank, liebe Forianer_innen!“

Heute möchte ich einmal erzählen wie es mir aktuell so geht. Seit 2015 lebe ich als Frau und vertrau(t)e mich nach und nach Familie, Verwandtschaft, Nachbarn, Kunden und weiteren an. Die Reaktionen der Menschen in meinem Umfeld sind durchweg positiv.

Das erklärt auch, warum es mir grundsätzlich unheimlich gut geht. Es gibt natürlich täglich irgendwelche Probleme und Aufgaben zu erledigen, die jedoch nichts mit meiner Transidentität zu tun haben. Oder zumindest nicht direkt.
Zum Beispiel habe ich viel aufzuarbeiten, das zum Teil jahrelang liegen geblieben ist. Meine Identitätsprobleme und die daraus entstandenen Gesundheitsdefizite hatten mich dermaßen herunter gezogen, dass ich keine Kraft mehr hatte wichtige Aufgaben in meinem Leben anzugehen.
Da kam eine stattliche Liste wichtiger Dinge zusammen. Diese ganzen Baustellen und Horrorszenarien kann ich heute bewältigen. Ich lebe wieder und habe Kraft für vieles, das mich früher hoffnungslos überforderte!

Seit ich erkannt habe tatsächlich eine Frau zu sein und, was noch viel wichtiger ist, als die Frau, die ich offenbar schon immer war, zu leben, ist fast alles in Ordnung. Natürlich bringt das neue Leben viele neue Herausforderungen mit und kostet auch Zeit und Geld. Schon alleine mein Gesicht einigermaßen fraukonform zu gestalten ist eine tägliche Herausforderung. Der Bartschatten und das Rasieren schaffen mich. Ich bin auch schon immer zu doof zum Rasieren und verletze mich ständig dabei.
Naja, rasiert, mit etwas Camouflage, Puder, Cajal und dezentem Lippenstift gehe ich als Fünfzigjährige durch und kann mich selbst im Spiegel gut ertragen. Oft freue ich mich sogar regelrecht, weil ich so hübsch aussehe. Klingt vielleicht merkwürdig. Natürlich bin ich nicht wirklich hübsch. Nur relativ zu manch anderen Frauen. Oh, das hört sich vielleicht überheblich an!

Letztens war der 96. Geburtstag meiner lieben Omi. Sie ist eine großartige Frau. Einige ihrer Aussagen sind: „Meine Svenja habe ich genauso lieb wie meinen Schwenni vorher!“ Oder: „Es ist ein Wunder, dass ich das noch erleben darf! Man hat ja schon davon gehört. Aber in der eigenen Familie … das ist so schön.“ und „Ich habe das natürlich schon gemerkt. Aber ich kann ja hier nichts sagen. Die hätten mich für verrückt erklärt.“
Es waren einige Verwandte bei der Feier. Alle waren sehr herzlich zu mir. Meine Tante und mein Onkel drückten mich zur Begrüßung (die anderen natürlich auch, ich drückte zurück) und sie sagten mir, wie gut ich aussehen würde. Das hat mich sehr gefreut und stolz gemacht. Später, im Gespräch mit meiner Tante, bemerkte ich, dass unser fürsorglicher Staat es gerne sieht, wenn unsereins einen sogenannten Alltagstest macht und so kommt es, dass ich wie eine Vogelscheuche herumlaufe. Meine Tante musste spontan lachen und sagte, dass ich absolut nicht so aussähe und herüber käme. Ich sähe toll aus und hätte Stil. Das hat mich natürlich wahnsinnig gefreut und ich habe sie dafür gedrückt. Während meines Mann-Experiments oder schon als Kind (das laut den anderen ja männlich sein sollte) hatte ich es nicht so mit dem Drücken. Ein richtiger Mann zeigt ja schließlich keine Gefühle!
Mein Cousin, 40, meinte ich hätte mich etwas verändert. Die Haare seien nun länger. Ich verstand den Scherz nicht und meinte, es gab auch noch ein paar andere Veränderungen. Er sagte, das wüsste er doch, sollte ein Joke sein. Er wollte nicht direkt auf meine Transidentität eingehen, weil er wüsste, wie ich die meiste Zeit meines Lebens gelitten haben muss. Das fand ich sehr beachtlich und feinfühlig von ihm und es hat mich sehr gefreut.

Überhaupt habe ich unheimlich Glück mit meiner Familie und den Menschen in meinem Leben. Mit Fremden gibt es auch praktisch nie Probleme. Hm, ganz von selbst kommt das natürlich nicht. Ein altes Sprichwort lautet: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“ Früher habe ich das nicht so richtig kapiert. Im Prinzip bedeutet es: „Dein Leben ist das, was du daraus machst!“ Und der Spruch: „Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus!“ ist auch nicht ganz unwichtig im Umgang mit unseren Mitmenschen.

Ich habe inzwischen mit vielen Menschen gesprochen und werde von Bekannten und Kunden mit Respekt behandelt. Bei einigen alten Freunden ist das plumpe kumpelhafte gewichen. Sie verhalten sich mir gegenüber irgendwie erwachsener. Sie behandeln mich respekt- und würdevoll. So wie man andere Menschen eigentlich behandeln sollte. Das war nicht immer so. Für viele war ich der kleine dumme Svenni, der schon nichts sagen wird, wenn sie mich mit ihren Aufgaben bedachten. Allerdings hat mein Helferinnensyndrom mich oft nicht „nein“ sagen lassen. Nur mir selbst konnte ich nicht helfen! Das ist heute anders. Ich habe einen halbwegs gesunden Egoismus entwickelt.

Ich bin aber auch endlich selbst erwachsen geworden! Ein Gefühl, dass ich seit Jahrzehnten vermisst habe. Ich bin heute eine erwachsene, selbstbewusste, freundliche Frau, die sich ein bisschen ihre Kindlichkeit bewahrt hat.

Bis zu meinem 20sten Lebensjahr war ich die größte Antialkoholikerin und Nichtraucherin. Doch dann kam ich zur NVA, der Armee der DDR. Damals gab es keine Alternative dazu. Waffen waren auch nie mein Ding.
Na, jedenfalls habe ich bei der Armee angefangen zu rauchen und zu trinken. Das Rauchen habe ich schon vor 18 Jahren besiegt. Ich habe es gehasst. Aber was machen echte Kerle nicht alles! Alkohol hat mich jedoch bis 2015 begleitet. Zeitweise bis zu 4 Flaschen Bier am Abend. Es hat mich betäubt. Auch das habe ich gehasst. Die Betäubung hatte scheinbar einen positiven Effekt: Ich konnte mich entspannen.
Seit ich die Frau bin, die ich bin, brauche ich keinen Alkohol mehr. Ich habe nicht das geringste Verlangen danach. Es ist verrückt. Es ist für mich viel schöner bewusst mein Leben zu erleben. Ich trinke jetzt gelegentlich ein Glas Rotwein zum Essen oder ein Biermischgetränk. Das mache ich ganz bewusst und genieße es. Ich brauche einfach keine Drogen mehr, um zu leben. Die einzigen „Drogen“ die ich mir gönne, sind die Glücksgefühle, die mich immer wieder daran erinnern, wie schön es ist nicht mehr in einer Rolle gefangen sein zu müssen, die ich nie ausfüllen konnte und wollte.

Letztes Jahr lernte ich Jessica kennen. Eine von 4 Transfrauen, die ich mittlerweile in meiner Stadt kenne. Sie gab mir den wertvollen Tipp zu einem Doktor in Leipzig zu gehen. Er ist unter anderem einer der Gutachter, welche vom Amtsgericht anerkannte „Trans-Versteher“ sind. Er fragte mich (sinngemäß) was ich bei ihm wolle. Ich meinte, es wäre eine schöne Idee ihn mal zu besuchen, da ich meine Vornamens- und Personenstandsänderung angeschoben und erfahren habe, dass er einer der beiden Gutachter sein wird. Er bejate es.

Wir sprachen über meine Kindheit, meine Vergangenheit, meine Veränderungen der letzten Jahre und, dass zum Beispiel alle meine Gesundheitsprobleme, die ich seit 10 Jahren mit meiner Allgemeinmedizinerin und ein paar Spezialisten nicht in den Griff bekam, nun weg sind. Sie konnten nichts finden, weil ich nach deren Aussagen körperlich völlig gesund war!
Der Trans-Spezialist hatte es jetzt natürlich leicht bei seiner Diagnose: Es war der Leidensdruck!
Er sagte, dass das alles psychosomatisch war. Die Psyche hat jahrelang versucht auf sich aufmerksam zu machen. Da ich jetzt erkannt habe was los ist und nicht mehr leide, hat sich alles in Wohlgefallen aufgelöst. Er meinte auch, dass er normalerweise eine begleitende Psychotherapie anbietet. Bei mir wäre das alles jedoch so eindeutig und ich so gefestigt, dass er das nicht für nötig hält. Lediglich die Krankenversicherungen würden wohl darauf bestehen, falls ich z.B. eine geschlechtsangleichende Operation machen lassen wollte.
Nachdem ich gefühlte 700 Fragen beantwortet hatte, bekam ich bei unserem nächsten Termin schriftlich von ihm, nicht verrückt zu sein.
Er gab mir ein Schreiben mit, welches mir Mann-zu-Frau-Transsexualismus, F64.0 bescheinigt und meinem Endokrinologen empfiehlt eine Hormontherapie zu beginnen.
Nach wochenlangem erfolglosen Herumtelefonieren hatte ich Glück einen Endokrinologen in Köthen zu finden, der sogar auch noch Trans-Erfahrung hat! Besser geht es nicht. Die Menschen dort in der Praxis sind auch unheimlich toll. Sie reden mich von Anfang an richtig an, obwohl meine Karte und Daten noch auf den alten Namen lauteten. Meine Krankenversicherung hat mir inzwischen ohne weiteres eine neue Karte mit meinem richtigen Vornamen, den richtigen Daten und dem richtigen Foto darauf ausgestellt.

Heute bin ich im 2. Monat meiner Hormonersatztherapie (HET). Und ich fühle mich sehr gut damit! Das eine Medikament hat nach kurzer Zeit Ruhe zwischen den unteren Extremitäten einkehren lassen. Ich liebe das! Das andere wird unter anderem meine Gesichtszüge verweiblichen und die Fettverteilung an meinem Körper etwas korrigieren. Bei mir gibt es keine Nebenwirkungen von den beiden Medikamenten.
Ich finde es schon etwas suboptimal, nun jeden Tag Pillen essen zu müssen. Habe ich ja fast 50 Jahre erfolgreich verhindern können. Aber was macht man nicht alles, um schön zu sein! (Scherz!) Auf jeden Fall ist die Ruhe im Schritt schon ein deutlicher Gewinn an Lebensqualität! Was hat mich das Gewebe bisher jeden Tag richtig böse gestört. Jetzt ist es mir fast egal. Eines Tages wird es ganz weg sein.

Der Rest wird sich ergeben. Ich mache mich da nicht verrückt. Mir ist es wichtiger in meinem Umfeld als Frau akzeptiert zu sein als z.B. mit großer Brust zu glänzen. Der Bartschatten ist zwar echt blöd, aber andere Frauen haben auch Bartprobleme. 2015 habe ich eine Kundin in einer Autowerkstatt gesehen, die hatte einen richtigen Oberlippenbart. Ist sie deswegen weniger Frau?
Der Endokrinologe frug mich, ob ich es denn schon mal mit IPL versucht hätte. Als ich ihm zu verstehen gab, schon 6 Sitzungen hinter mir zu haben und schon allerhand Bart zugesetzt habe, meinte er, dass der ja ganz schön hartnäckig wäre, die HET aber nicht viel daran ändern dürfte. Naja, was soll’s. Ich besuche meine IPL-Behandlerinnen gern. Dort bin ich eine ganz normale Frau mit (immer weniger) Bart.

Natürlich ist das Leben für Menschen wie uns, die wir – wie es so schön heißt – im falschen Körper geboren wurden, nicht immer ein Ponyhof!
Mit der Transition warten viele neue, aber meist lösbare Aufgaben auf uns. Für mich kann ich sagen: Es lohnt sich!
Für mich wäre es keine Lösung gewesen, weiter zu versuchen den Mann zu geben, der ich noch nie war. Es fühlt sich so unheimlich gut an, so natürlich und selbstverständlich, endlich ich sein zu können. Und ich bin stolz auf mich. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Ich fühle mich in Deutschland gut aufgehoben, selbst wenn es noch einiges an der gesetzlichen Situation der Trans*Menschen zu verbessern gibt.

Svenja
Februar 2017

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Trans* in der Bundeswehr

Quelle: Berliner-Kurier

Berlin – Es sind nur zwei kleine Stiche ins Ohr, die sie an einem Tag vor ihrem Urlaub machen lässt. Weil sie Ohrstecker tragen will, wie Millionen andere Frauen auch. Doch Anastasia B. weiß, dass sich ihr Leben damit dramatisch ändern wird. Sie hat es bei der Bundeswehr bis zum Oberstleutnant im Generalstab gebracht – als Mann! Doch sie fühlt sich als Frau und will in Zukunft auch so leben. 24 Stunden am Tag, also auch im Dienst………

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>> Wie trans* darf die Truppe sein?

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Antwort der Bundesärztekammer auf den offenen Brief des Gendertreff

Aufgrund eines Hinweises im Gendertreff-Forum hatten wir am 06. Januar 2017 einen offenen Brief an die Bundesärztekammer verfasst. In diesem nahmen wir zu einem von der Bundesärztekammer veröffentlichten Positionspapier „Blutspendeausschluss von Personen mit sexuellem Risikoverhalten“ Stellung. Moniert wurde unsererseits insbesondere, dass Trans*-Personen als Hochrisikogruppe für AIDS eingestuft wurden. Diese Einstufung erfolgte, da – so die Bundesärztekammer – sich viele Trans*-Personen prostituieren würden, um Geld für geschlechtsangleichende Maßnahmen zu verdienen. Dabei werden die geschlechtsangleichenden Maßnahmen im monierten Positionspapier der Bundesärztekammer sachlich falsch als „Geschlechtsumwandlung“ bezeichnet.

Der Gendertreff rügte diese Einschätzung als diskriminierend, sachlich falsch und empirisch nicht nachweisbar. Der Gendertreff führte aus, dass die überwiegende Mehrzahl der Trans*-Personen völlig normalen bürgerlichen Berufen nachgehe. Auch sei es nicht schlüssig, weshalb sich Menschen prostituieren sollten, um Leistungen zu erhalten, die in Deutschland von den Krankenkassen übernommen werden.

Den offenen Brief veröffentlichten wir auf der Gendertreff Plattform und übermittelten diesen per E-Mail sowie per Briefpost mit Schreiben vom 07.01.2017 an die Bundesärztekammer.

Mit Schreiben vom 01.02.2017 antwortete die Bundesärztekammer und informierte uns darüber, dass die in unserem offenen Brief zitierten „Erläuterungen und Regelungsoptionen zum Blutspende-Ausschluss bzw. zur Rückstellung von Personen, deren Sexualverhalten ein Risiko für den Empfänger von Blutprodukten birgt“, Stand 25.04.2012, inzwischen überarbeitet wurden.

Die Bundesärztekammer führt aus, dass eine gemeinsame Arbeitsgruppe aus Vertretern des „Arbeitskreises Blut“ nach § 24 Transfusionsgesetz (TFG), des Ständigen Arbeitskreieses „Richtlinien Hämotherapie“ nach §§ 12a und 18 TFG des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer, des Robert-Koch-Instituts, des Paul-Ehrlich-Instituts und des Bundesministeriums für Gesundheit die aktuellen epidemiologischen Daten zusammengestellt und ausgewertet hat.

Das Arbeitsergebnis der oben genannten gemeinsamen Arbeitsgruppe wurde laut dem uns zugegangenen Schreiben vom „Arbeitskreis Blut“ nach § 24 TFG am 04.10.2016 zustimmend zur Kenntnis genommen und befindet sich nun im Beratungsprozess der Gremien der Bundesärztekammer. Vor dem Hintergrund der laufenden Beratungen bittet die Bundesärztekammer um Verständnis, dass man zu Inhalten und einem möglichen Veröffentlichungszeitpunkt noch keine Angaben machen könne.

Der Gendertreff begrüßt die Überarbeitung der zitierten Richtlinien. Wir hoffen, dass nun ein realistisches Profil von Trans*-Personen zugrunde gelegt wurde, da das in dem monierten Positionspapier „Blutspendeausschluss von Personen mit sexuellem Risikoverhalten“ gezeichnete Bild von Trans*-Personen sachlich falsch, abwertend und diskriminierend war. Gerne stehen wir jederzeit für den fachlichen Austausch zur Verfügung.

Mehr zum Thema:

>> Offener Brief des Gendertreff an die Bundesärztekammer

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Grünkohlwandern 2017 im Neanderland

Und auch 2017 danken wir dem Orga-Team Kirsten und Rita für dieses traditionelle Event – Dem Grünkohlwandern durch das Neanderland.

Viele Teilnehmer trafen sich zur Wanderung um sich den deftigen Grünkohl zu verdienen. Einige stießen später zur Party dazu. Um einem drohenden Flüssigkeitsverlust vorzubeugen, war der Bollerwagen wieder mit schmackhaften Getränken gefüllt.


An strategischen Punkten wie z.B. Wegkreuzungen, Brücken, Kurven und Steigungen wurden die Getränke verteilt. Das Wetter war gut aber zum „Vorglühen“ doch leider etwas zu warm (ca. 10°C).


Zwischendurch konnten auch noch Gäste begrüßt werden und am Ende gab es sogar einen schönen Sonnenuntergang.



Nach ca. zwei Stunden gab es dann endlich Grünkohl mit deftigem Fleisch. Alle ließen es sich schmecken. Sabine, Barbara und Sabrina sorgten für das leibliche Wohl und die Getränke.

Danach glühte die Tanzfläche, denn Xenia gab ihr Bestes am Mischpult. Die Stimmung war spitze und bis die ersten gingen war es kurz vor Mitternacht.

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Bewerbungsgespräch als Nonbinary

Autor_in: L* (Flughunde)

Neulich hatte ich ein Bewerbungsgespräch für ein Praktikum und ich war im Vorhinein ziemlich nervös – einerseits, weil ich die Stelle doch ganz gern hätte, andererseits, weil ich bisher noch in keinem Bewerbungsgespräch thematisiert habe, dass ich Nonbinär-Transgender bin. Das heißt im Wesentlichen, dass ich mich zwischen Mann und Frau verorte. Jetzt drängt sich für manche vermutlich die Frage auf, wieso das meine_n Arbeitergeber_in überhaupt interessieren soll. Die meisten damit verknüpften Aspekte sind für sie_ihn auch irrelevant. Allerdings verwende ich im Alltag einen geschlechtsneutralen Vornamen, der nicht amtlich ist und daher weder in Zeugnissen noch in meinem Personalausweis steht. Um bei der Arbeit aber sofort mit meinem richtigen Vornamen angesprochen zu werden, habe ich mich dazu entschieden, mich mit diesem zu bewerben. Meinen künftigen Kolleg_innen hilft das, indem sie sich nicht umstellen müssen und mir tut das gut, weil ich dann direkt mit einem Vornamen bezeichnet werde, den ich mag. Um bei der schriftlichen Bewerbung Verwirrungen aufgrund unterschiedlicher Vornamen in Mailadresse, Anschreiben und Lebenslauf einerseits und Zeugnissen andererseits zu vermeiden, habe ich meiner Mail eine Signatur beigefügt: „Ich bin Nonbinär-Transgender und freue mich über geschlechtsneutrale Anreden (z.B.: Guten Tag, Hallo, Dear).“

Als ich eine Einladung zum Vorstellungsgespräch erhalten habe, war meine Freude sehr groß. Nicht nur darüber, dass ich es in die engere Auswahl geschafft habe, sondern auch, weil ich mit einer geschlechtsneutralen Anrede angeschrieben wurde. Solche Erlebnisse freuen mich sehr, da ich als das wahrgenommen werde, was ich bin. Bereits bei einem anderen Bewerbungsgespräch hatte ich mir fest vorgenommen, dass ich erkläre, dass ich L* genannt werden möchte und mich über geschlechtsneutrale Bezeichnungen zur Beschreibung meiner Person freue. Da ich aber trotz meiner Signatur bereits in der Mailkommunikation und dann beim persönlichen Gespräch mehrfach als „Herr“ angesprochen wurde, hatte ich es damals bleiben lassen.
Nachdem ich aber dieses Mal mit einer geschlechtsneutralen Anrede angeschrieben wurde, standen die Voraussetzungen besser und ich ging mit einem guten Gefühl in das Gespräch. Meine positive Stimmung konnte nicht mal dadurch getrübt werden, dass ich am Bahnhof von einer fremden Person – vermutlich wegen meines Aussehens – beleidigt wurde. Als das Bewerbungsgespräch begann, stellten sich meine künftige Vorgesetzte und ich uns namentlich vor. Und dann kam eine Frage, die alle meine Bedenken beseitigte, ob ich dieses Mal meine Transidentität ansprechen werde. Mein Gegenüber fragte mich, wie ich bezeichnet werden möchte und vermutete, dass „Herr“ und mein Nachname keine Option sei. Dies bestätigte ich und sagte, dass ich einfach mit meinem Vornamen und Nachnamen bezeichnet werden mag. Innerlich hab ich zudem gestrahlt, weil diese Nachfrage Druck von mir genommen hat. Für gewöhnlich muss ich immer einfordern, einfach mit meinem Namen anstelle von „Herr“ bezeichnet zu werden. Dieses Einfordern, korrekt bezeichnet zu werden, kostet mich zudem immer Überwindung. Dementsprechend erleichtert es meinen Alltag, wenn ich gefragt werde, wie ich bezeichnet werden möchte, als wenn ich es jedes Mal selbst ansprechen muss.

Das weitere Gespräch ist ganz gut verlaufen, so gut, dass ich schlussendlich die Stelle erhalten habe. Beim Verlassen des Büros bin ich noch gefragt worden, wie meine Vorgesetzte mich im Gespräch mit anderen bezeichnen soll (vorher ging es ja um die direkte Anrede). Daraufhin hab ich gesagt, dass sie einfach meinen Namen nennen soll und auch meinen Vornamen anstelle eines Pronomens verwenden kann.

Am Nachhauseweg war ich euphorisch über das gute Gespräch und die Rücksichtnahme, die ich erfahren habe. Bezüglich meiner Transidentität wurden nur die relevanten Fragen auf sensible Weise gestellt. Alles andere hat meine künftige Vorgesetzte auch nichts anzugehen, es sei denn, wir sollten uns im Laufe der Zeit anfreunden und uns auch über Privates austauschen.

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