M-Day Kapitel 2

“M” steht hier für Marina, die von ihren kleinen Schritten 2.0 berichtet:

M-Day oder manches Mal entwickeln sich die Dinge schneller als als man es selbst für möglich hält.

Kapitel 2

November 2012

An meinem Geburtstag, Mittwoch der  07. November 2012, war ich auf Geschäftsreise, wie so oft. Eigentlich war es mein Fehler, dass ich da keinen Urlaub oder Ausgleich genommen habe. Und so habe ich den Abend alleine in einem langweiligen Hotelzimmer in Bad Dürkheim verbracht. Mit Langeweile und Depressionen.

Immerhin konnte ich an dem Tag so weit vorarbeiten, dass ich am Donnerstag morgen nur noch nach Hause fahren musste und somit einen ½ Tag frei hatte. Deshalb habe ich ganz spontan meine engsten Freunde zu mir zum Abendessen eingeladen. Ich habe gekocht und es wurde ein sehr schöner Abend für alle.

An diesem Wochenende dann bin ich zur Familie Heim gefahren. Mir hat allerdings die Aussicht das ganze Wochenende wieder den Sohn geben zu müssen überhaupt nicht geschmeckt. Überall sonst kann ich so sein wie ich will, nur in meinen eigenen 4 Wänden nicht? Das kann und will ich nicht mehr hinnehmen. Aber ich hatte so viel Angst davor genau das durchzuziehen. Am Freitag Abend hatte ich noch eine Sitzung bei meiner Psychotherapeutin. Das 1-stündige Gespräch hat mir aber solch eine innere Stärke gegeben, dass ich meinen Plan doch durchgezogen habe.

Als ich am Samstag morgen mit meiner Mutter wieder auf dem Weg zum einkaufen war, sagte sie mir, ich solle noch meine eine Tante mit für Sonntag einladen. Daraufhin sagte ich ihr, dass wir sie dann aber auf Marina vorbereiten sollten. Meine Mutter sagte: „Muss das sein?“ und ich sagte: „Ja, es ist schließlich meine Geburtstagsfeier“ und damit war das Thema erledigt. Meine Tante konnte aber nicht am Sonntag zum essen kommen, sie hatte schon etwas anderes vor. Also haben wir sie spontan zum Abendessen eingeladen.

An meinem Plan ihr Marina vorzustellen habe ich dennoch festgehalten. Am Abend habe ich mich dann zurecht gemacht. Als mich mein Stiefvater dann so sah hat er nur ganz kurz die Augen rollen lassen. Das war alles. Meine Tante war zuerst etwas schockiert, aber ich habe ihr erklärt was mit mir los ist. Daraufhin meinte meine Tante, dass es Ok ist wenn ich mich dabei wohl fühle, nur sollte ich mich „so“ nicht im Dorf sehen lassen…. wegen den „Leuten“….

Am Sonntag kam dann mein Bruder mit Partnerin. Wir saßen im Wintergarten, der von den Nachbarn gegenüber einsehbar ist. Passiert ist absolut nichts. Später bin ich dann noch zum Kaffee zu meinem Vater gefahren. Der weiß ja auch Bescheid und akzeptiert mich so wie ich bin.

Am darauf folgenden Donnerstag, den 15. November hatte dann meine Mutter Geburtstag. Ich bin Abends direkt von der Arbeit gekommen. Da alle Nachbarn und ihre Freunde anwesend waren musste ich wieder den lieben Sohn geben….

Am darauf folgenden Sonntag haben wir den Geburtstag meiner Mutter nach gefeiert. An ihrem eigentlichen Geburtstag letzten Donnerstag konnte mein Bruder leider aus beruflichen Gründen nicht kommen. Und so ist er eben erst heute zusammen mit seiner Partnerin deren Mutter (also die Vielleicht-Schwiegermutter) zum Mittagessen gekommen.

Ich hatte mir für das Essen schon was schönes heraus gelegt: Ein graues Strickkleid mit schwarzen Leggings. Ja, auch zu diesem Essen war Marina anwesend. Die Mutter der Partnerin meines Bruders weiß sowieso schon seit letztem Jahr Bescheid, also wozu verstecken?

Wir saßen also im Wintergarten und haben ein sehr leckeres Mittagessen verspeist (Schnitzelchen mit Spargel, Herzoginkartoffeln und Edelpilzsauce). Unser Wintergarten ist aber von unseren Nachbarn gegenüber einsehbar. Mir war jedenfalls schon letzte Woche, und heute auch aufgefallen, dass die Nachbarin immer wieder herüber geschaut hat. Und wie schon letzte Woche auch haben die mich garantiert gesehen.

Da es im Wintergarten ein bisschen eng ist mit 6 Leuten sagte meine Mutter, ich solle außen herum gehen, wenn ich mal ins Haus musste. Das bedeutet, dass mich die Nachbarin voll sehen kann. Ich fragte meine Mutter, ob sie das wirklich ernst meint und sie sagte: „Ja, inzwischen ist es mir egal“. Wow… damit hatte ich nun gar nicht gerechnet.

Später dann als sich unsere Gäste verabschiedet haben bin ich nicht mit zur Tür gegangen, aber meine Mutter sagte, ich soll ruhig kommen. „Wenn die Nachbarn was wissen wollen, dann sollen sie eben fragen“. Und so stand ich zusammen mit meiner Mutter vor der Haustür und habe unsere Gäste verabschiedet. Wow, noch so ein Hammer.

Ich hatte meine Mutter wohl auch falsch eingeschätzt. Sie weiß genau, wie wichtig mir Marina ist und sie merkt ganz genau, wie gut es mir tut. Und nun scheint sie sogar den Punkt erreicht zu haben, an dem sie sogar im Dorf zu mir steht, so wie ich bin. Ich hoffe nur, dass sie nicht wieder ihre Meinung ändert.

Beim Abendessen habe ich meine Mutter noch mal konkret darauf angesprochen, was das denn nun für mich heißt. Ob ich mich jetzt nicht jedes Mal umziehen muss kurz bevor ich ins Dorf komme. Und Ja, genau so ist es; ich kann so ein- und ausgehen wie ich will.

Ich meinte, dann sollte ich die Nachbarn aktiv ansprechen und denen erklären was los ist. Komischerweise will sie das aber nicht. Na gut, dann erkläre ich es eben, wenn ich angesprochen werde. Ist mir auch recht.

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M-Day Kapitel 1

„M“ steht hier für Marina, die von ihren kleinen Schritten 2.0 berichtet:

M-Day oder manches Mal entwickeln sich die Dinge schneller als als man es selbst für möglich hält.

Kapitel 1

Juli bis Oktober 2012

Mitte 2012 hatte ich so das Gefühl, ich habe alles das erreicht, was unter den Umständen überhaupt machbar war. Meine engste Familie wusste Bescheid, aber der weitere Kreis, also die Cousins, Cousinen und die Stiefgeschwister sollten ja nichts mitbekommen. Ebenso sah es mit den Nachbarn in meinem Heimatort aus. Meine Eltern hatten panische Angst, das irgendjemand von denen etwas merken könnte. Der gute Ruf im Dorf… usw.

Bei meinem Arbeitgeber hatte ich ja auch schon mal vorsichtig vor gefühlt. Aber schon unser Betriebsrat sagte mir, dass es auf keinen Fall gehen würde. Transident mit unmittelbarem Kundenkontakt, das geht gar nicht.

Na klar hätte ich mich nach einem anderen Job umsehen können, aber mir hat meine Arbeit immer sehr viel Freude gemacht, auch wenn es durch die viele Fahrerei und das ewige Leben aus dem Reisekoffer eine ziemliche körperliche und seelische Belastung war.

Zwar konnte ich vor und nach der Arbeit immer Marina sein, dafür saß ich aber auch so gut wie jeden Abend alleine in einem Hotelzimmer in einer fremden Stadt.

An den Wochenenden, an denen keine Veranstaltung des Gendertreff war, war ich dann immer bei meinen Eltern. Und dort musste ich mir Marina größtenteils ebenfalls verkneifen. Zum Einkaufen mit der Mutter in der Stadt, das war OK. Aber ich musste mich immer erst unterwegs umziehen, und kurz bevor wir nach Hause kamen noch einmal. Bei meiner Mutter zu Hause konnte ich mich dementsprechend auch im Haus nicht so geben wie ich es bevorzugt hätte.

Lange Zeit sah es so aus, als ob das nun auf Dauer so bleiben müsste. So musste ich mich mit dem Status Quo abfinden. Mehr Marina ging eben nicht. Zufrieden war ich damit aber nicht einmal ansatzweise. Und dass ich nicht zufrieden, bin machte ich immer deutlich.

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Katjas Jahresende 2012

Katja fasst das Jahr 2012 aus ihrer Sicht zusammen:

Hallo Zusammen,

seit Sommer 2012 ist in mir einiges passiert, nach dem Beitrag „1&1 der Hormone“
und einem Schuss vor den Bug.

Ich sehe im Spiegel, wie ich mich verändere. Endlich kann ich mich im Spiegel sehen und lachen und sehe, dass sich meine Seele endlich befreit fühlt.

Zum Ende des Jahres 2012 habe ich mich entschieden, auch im Beruf als Frau zu leben. Ich will endlich ganz Frau sein, die im Alltag ihre Frau steht.

Im Laufe des zu Ende gehenden Jahres bereitete ich mich auch mit der Therapeutin auf die Unterrichtung des Arbeitgebers vor. Anfang Dezember 2012 hab ich meinen Mut zusammen genommen und ein weiteres Gespräch mit dem Betriebsrat und der Geschäftsleitung geführt, gleichzeitig hatte ich auch das Anschreiben an die komplette Belegschaft fertig gemacht und auf einem USB-Stick mitgebracht. Ich hatte den Termin am 19.12.2012 ins Auge gefasst um die Belegschaft multimedial und in Briefform zu informieren. Da es das Weihnachtsfest war und ein großer Teil der Belegschaft frei hatte, entschloss ich mich genau diesen Zeitpunkt auszusuchen.

Das Jahr 2012 war zu Ende und wir hatten im Gendertreff eine berauschende Silvesterfete. Ohne ein Ziel und ohne eine neue Hürde bin ich ins neue Jahr gestartet.

Es kam der 02.01.2013. Ein Tag den ich nie vergessen werde. Ich machte mich fertig, zog meine Arbeitskleidung an und fuhr zur Firma. Ja das war eine Fahrt! Je näher ich kam desto mehr Herzklopfen bekam ich.

Als erstes bin ich nicht im Personaleingang sondern im Haupteingang rein gegangen. Die Dame am Empfang kenne ich seit über zehn Jahren, aber ich sollte mich anmelden. Erst als ich zu ihr sagte, dass ich es bin, war sie sehr erstaunt und machte mir ein Kompliment, was mir sehr gut tat. Weiter ging es zur Geschäftsabteilung wo ich mich auch zeigte. Sie wünschten mir viel Erfolg und Glück für die weitere Zusammenarbeit. Trotzdem wurde mein Herzklopfen immer stärker kurz vorm Eingang des Arbeitsplatzes.

Ich sammelte mich und atmete kurz durch und wie es so ist bin ich in die Halle gegangen.
Es war nicht viel los nach dem Jahreswechsel, so dass ich zum Büro des Lagers ging und meine Kollegen begrüßte. Es war schon ein mulmiges Gefühl, aber sie sagten, dass ich gut aussehe. Meine Anspannung war auf einmal wie weggeblasen und es ging zum Tagesgeschäft über.

Ja einige Leute geben sich Mühe und sprechen mich mit dem weiblichen Namen an und einige mit dem männlichen. Ich habe ihnen zu verstehen gegeben, dass es noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird und ein Anfang gemacht ist. In letzter Zeit sind sehr schöne Arbeitstage ins Land gegangen und auch eine schöne Normalität für mich.

Ich hätte nicht gedacht, dass es so leicht ist und noch einige Jahre bis zum Ende des Arbeitslebens so weiter geht. Ich fühle mich wohl und könnte die ganze Welt umarmen.

Viele Grüße
Katja

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Aus Hans-Gerd wird Elke-Miriam

Reeser Pfarrer ist jetzt eine Frau

Haldern/Arnsberg (RP). Ein Pfarrer aus der evangelischen Kirchengemeinde Haldern, die zur Stadt Rees gehört, ist bald offiziell eine Frau. Hans-Gerd Spörkel, der künftig Elke-Miriam heißen wird, gab gestern seiner Gemeinde bekannt, dass die so genannten Personenstandsänderung de facto abgeschlossen ist….

Mehr lesen…………….

Quelle: mso/zel/jco
http://nachrichten.rp-online.de/regional/reeser-pfarrer-ist-jetzt-eine-frau-1.3133611
www.rp-online.de

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Wie es mich von Thüringen auf die kleine Nordseeinsel Wangerooge verschlagen hat

Bericht von Maya Mitsume:

17. April 2003

Wie es mich von Thüringen auf die kleine Nordseeinsel Wangerooge verschlagen hat

Einige Jahre war ich arbeitslos, als ich noch meine Fortbildung zur Fachkraft Steuerwesen und Buchhaltung absolvierte. Doch in meinen Leben ging damals vieles drunter und drüber und selbst quälte ich mich nach meinem inneren Ich.

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In der ausführenden Arbeitswelt

Mit Freude nimmt der Gendertreff Katjas gelungenes Outing zur Kenntnis, aber lest selbst…

Hallo
hier mein Bericht zu meinem Outing und dem weiteren Werdegang, was mir Ausgeglichenheit und Freude am Leben bringt.

Wie soll ich denn anfangen:

In meinem Leben, das inzwischen 45 Lenze zählt, habe ich eine schöne Kindheit durchlebt, eine nicht ganz so schöne Teenie-Zeit gehabt und dazwischen versucht, mein Leben in den Griff zu bekommen,  was nicht ganz leicht war.

Trotzdem bin ich mit mir jetzt zufrieden. Sehr zufrieden sogar, seit ich hier im Gendertreff bin. Es tut mir gut endlich Klarheit zu haben, auch eine gewisse Euphorie ist dabei.

Ich kann dazu nur sagen, dass in meinem Leben einige Schlüsselerkenntnisse dazu geführt haben, dass sich Türen in meinem Kopf geöffnet haben und den Weg frei gemacht haben, dass ich endlich das sein kann, was ICH eigentlich bin.

Seit 2010 bin ich hier im „Treff “. Ich habe bis dato noch nichts Negatives erlebt. Man kann vieles negativ sehen und zerreden oder gar ausschließen. Wir sind Menschen, die die Natur so wie sie sind geschaffen hat. Sie hat uns was gegeben, was ich als goldene Gabe verstehe, etwas Einmaliges zu sein.

Ja, diese Sache ist nicht ganz leicht für jeden Einzelnen, der auch seine Pflichten im Leben erfüllen muss. Ich denke für jeden sind ein paar Freiheiten dabei. Wenn man in einer Beziehung ist, heißt es reden und keine Geheimnisse voreinander zu haben. Da sollte sich ein Jeder an die Nase packen und eine gewisse Klarheit haben.

So genug geredet ich erzähle jetzt von meinen Outing im Berufsleben wie schon angekündigt

Ich wollte mich endlich nicht mehr verbiegen müssen und habe mein Aussehen inzwischen verändert. Seit September 2010 habe ich mit der Veränderung langsam begonnen und ein Jahr später, das war im Sommer 2011, war es dann soweit. Eine Woche Urlaub am schönen Bodensee, leben und erleben als Frau und erste Erfahrungen machen. Es war ein richtig schöner Urlaub, den wir gemacht haben. Seitdem ist es nicht mehr so wie es vorher war. Ich wollte ab diesem Urlaub mal salopp gesagt mich „verändern“, was ich schon immer wollte, sprich „Frau“ sein.

Ja, das ganze Leben wollte ich es, nur der Knoten wollte nicht aufgehen, was eine Blockade war. Ich wusste nicht was es war aber es ist so wie es jetzt ist und möchte es nicht mehr aufhalten.  Ja, jetzt zu leben, das hab ich verstanden.

Bis März 2012 habe ich mir überlegt, was ich den Menschen gegenüber in der Firma sagen werde und wie ich es anstellen soll. Ich ging zur Sekretärin, mit der ich seit zehn Jahren zusammen arbeite und habe mit ihr über mein Anliegen gesprochen. Danach hatte ich einen Termin mit dem Niederlassungsleiter gemacht und mir in einem Gespräch ein Zwischenzeugnis geben lassen. Natürlich fragte er auch nach dem Grund und ich outete mich. Er zeigte sich nach einer dreiviertel Stunde Gesprächsdauer gelassen, weil er mich als Mensch sieht.

Mutig durch diese guten Gespräche und Eindrücke, habe ich dann alles auf eine Karte gesetzt und im April 2012 mit meinem direkten Vorgesetzten gesprochen, der auch keine Vorurteile hat und mich als Mensch sieht.

Vorurteile oder Diskriminierungen konnte ich nicht feststellen und möchte jeder anderen sagen, dass die Welt offen für alle ist. Jede/r soll so leben können wie sie/er es will. Das Leben ist DRAUSSEN.

Mittlerweile sind einige Tage vergangen und es ist zur Normalität geworden.

Also ich Grüße euch
Katja

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Es ist nicht immer alles eitel Sonnenschein

In unserm Blog/Magazin wird oft über positive Erlebnisse berichtet. Aber nicht alle Erlebnisse sind immer positiv. Obwohl in den Betrieben AGG -Beauftragte sind und entsprechende Erklärungen von den Mitarbeitern unterschrieben werden müssen, ist es doch teilweise mit der Akzeptanz noch lange hin. Es ist ein langer und steiniger Weg. Deshalb, vielen Dank an Marina, die ihre negative Erfahrung hier darstellt.

Um dieses Ereignis darzustellen muss ich allerdings ein wenig ausholen, damit die Zusammenhänge verständlich werden.

Ich war aus beruflichen Gründen in Polen um den dortigen Kollegen bei einer Inbetriebnahme zu helfen. Da ich nur einen economy Flug hatte durfte ich ja nur 20kg Gepäck mitnehmen. Um die Inbetriebnahme durchführen zu können brauchte ich aber auch Werkzeug und Sicherheitsbekleidung. Dadurch musste ich die Menge an persönlicher Bekleidung doch sehr einschränken. Andererseits wollte ich nicht ganz auf Marinas Sachen verzichten. Wie dem auch sei, ich hatte mehr Wäsche verbraucht als ich geschätzt hatte. Am letzten Tag hatte ich nichts mehr frisches außer einem Damen Shirt in violett mit einem etwas tieferen Ausschnitt. Ich dachte mir, was soll’s, das fällt ohnehin niemandem auf. Den ganzen Tag war ich auf der Baustelle und erledigte meine Arbeit. Kein einziger Kommentar.

Am darauf folgenden Montag sagte mein Chef zu mir morgens, ich solle doch nach der Mittagspause zu ihm ins Büro kommen, er hätte etwas mit mir zu besprechen. Ich dachte mir nichts dabei, schließlich müssen wir öfter Termine zusammen koordinieren. Nach der Mittagspause ging ich also zu seinem Büro und das erste was er sagte war „mach mal die Türe zu“. Oh Oh, das ist schon kein gutes Zeichen. Dann sagte er mir ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Der polnische Kollege hat sich über dich bei der Geschäftsleitung beschwert. Es ist mir schon peinlich das zu sagen, aber du hast da Frauenkleidung getragen.

Oh S****** dachte ich in dem Moment nur und sagte erst mal nichts. Unsere Personalchefin wollte auch an dem Gespräch teilnehmen, aber mein Chef sagte, er wolle zuerst mit mir unter 4 Augen sprechen. Naja, wenn es denn schon bekannt in der Firma ist, was soll’s. Dann eben raus mit der Wahrheit, dachte ich mir. Also erzählte ich meinem Chef, was mit mir los ist. Warum ich dies getan habe. Also dass ich Transgender bin und versuche dieses in meiner Freizeit auszuleben, mir aber die reguläre Wäsche ausgegangen ist. Offensichtlich hatte mein Chef aber von Transgender noch nie etwas gehört, also musste ich auch diesen Begriff so gut es eben geht erklären. Ich denke, dass er es auch verstanden hat. Darauf, ihm einen Flyer zu geben, habe ich aber aus Sicherheitsgründen verzichtet. Er sagte mir darauf hin ganz klar, dass die Firma ein solches Verhalten nicht tolerieren wird. Ich solle dies doch in Zukunft unterlassen. Ebenso das, was ich an den Bürotagen so ab und zu trage. Dazu muss ich sagen, dass ich schon jahrelang an meinen Bürotagen durchaus auch Frauenkleidung getragen habe und auch Schuhe mit Absätzen. In all den Jahren habe ich aber noch nie einen einzigen Kommentar dazu gehört und dachte immer, dass ich es wohl gut getarnt habe. Offensichtlich aber nicht.

Um meinen Job zu behalten, musste ich also versprechen, in Zukunft nur noch in Männerkleidung zur Arbeit zu erscheinen. Dies bedeutet, dass ich in Zukunft die Trennlinie zwischen meinem Arbeits- und Privatleben wieder sehr scharf ziehen muss. Immerhin weiß ich jetzt woran ich bin. Da ich bei einem amerikanischen Unternehmen arbeite, gibt es dort auch sehr strenge Vorschriften was den Umgang mit Transsexualität betrifft. Genau genommen strenger als die deutschen Vorschriften. Dieses Ereignis zeigt mir aber, wie viel solche Reglungen in der Praxis wirklich wert sind. Wir alle mussten diese amerikanischen Verhaltensregeln unterzeichnen, obwohl nicht alle nach deutschem oder europäischem Recht anwendbar sind. In Realität sind diese aber nicht das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind. Hätte ich erklärt, dass ich den Weg so weiter gehen werde, würde dies unweigerlich zu Kündigung führen. Der Kündigungsgrund ist dann mit Sicherheit nicht formaljuristisch auf die Transsexualität zurück zu führen. Es finden sich bei jedem immer Gründe genug eine Kündigung auszusprechen. Wie oft konnte ich schon in den Lebensgeschichten anderer TS lesen, dass ihnen ab dem Moment des Outings zusätzliche Aufgaben zugeteilt wurden. So viel, dass sie die Arbeit gar nicht mehr schaffen konnten. 1. Abmahnung, 2. Abmahnung und dann raus.

Meine Arbeit macht mir trotz des vielen Stress noch immer Spaß und ist auch nach 13 Jahren noch immer eine Herausforderung. Von daher möchte ich meinen Job schon behalten. Deshalb werde ich wohl, zumindest so lange ich bei dieser Firma bin, mit einem Kompromiss und einer strikten Trennung leben müssen. Wie schon gesagt, ich weiß jetzt genau woran ich bin und muss mich eben darauf einstellen.

Marina

TRANS* AM ARBEITSPLATZ

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